Nationales Finale der Witness Interviewing Competition 2025 von ELSA Germany in Kooperation mit Becker Büttner Held Berlin

Nationales Finale der Witness Interviewing Competition 2025 von ELSA Germany in Kooperation mit Becker Büttner Held Berlin

Erfahrungsbericht von Maria Quast: Erstplatzierte beim WIC 2025

Eine spontane Entscheidung, eine völlig neue Rechtsmaterie und nur einen Abend zur Vorbereitung – so begann für meinen Teampartner Devin und mich die Reise zum Nationalen Finale der Witness Interviewing Competition (WIC), organisiert von ELSA Germany. Dass wir am Ende den 1. Platz holen, ein perfektes Feedback bekommen und mit einem 1.000-Euro-Scheck durch Berlin fahren würden, hätten wir beide nicht erwartet.


Wie kam es dazu?

Über den Instagram-Account von ELSA Germany habe ich vom Nationalen Finale der WIC erfahren. Dort gab es ein Anmeldeformular, über das man sich bewerben konnte – und für mich stand direkt fest: Da bin ich dabei.


Was ist WIC?

Die WIC ist ein Wettbewerb, bei dem Teams einen Zeugen zu einem fiktiven Sachverhalt befragen und anschließend die rechtlich relevanten Probleme herausarbeiten müssen. Ein Format, das es so im Studium nicht gibt und das gerade deshalb so wertvoll ist.


Warum habe ich teilgenommen?

Mich hat dabei das WIC-Format selbst besonders gereizt und ELSA begleitet mich schon eine ganze Weile. Ich habe bereits an mehreren ihrer Events teilgenommen – Competitions, Workshops, Moot Courts – und jedes einzelne davon war eine echte Bereicherung für mein Studium. ELSA schafft es wie kaum eine andere Organisation, juristische Theorie greifbar zu machen und Studierenden die Möglichkeit zu geben, sich in realitätsnahen Situationen auszuprobieren.


Was ist ELSA?

ELSA steht für „European Law Students’ Association“ und ist das größte unabhängige Jurastudierenden-Netzwerk der Welt. Die Organisation vernetzt Studierende aus ganz Europa miteinander und bietet eine unglaubliche Bandbreite an Möglichkeiten: von internationalen Law Schools über Kanzleibesuche und Workshops bis hin zu Competitions wie der WIC oder verschiedene Moot Courts. 

 

Was macht ELSA so besonders?

Man lernt nicht nur frühzeitig große Kanzleien und juristische Arbeitgeber kennen, sondern knüpft auch Kontakte, die einen oft noch Jahre begleiten – sowohl beruflich als auch freundschaftlich. Genau dieses Netzwerk und diese positiven Erfahrungen haben mich letztlich motiviert, mich für die WIC anzumelden.

Spontane Teambildung und Fahrt nach Berlin

Meine ursprüngliche Teampartnerin ist leider wenige Tage vor der Competition abgesprungen. Also habe ich spontan meinen Kommilitonen Devin gefragt – eine Person, die genauso spontan ist wie ich und den man immer für solche Competitions begeistern kann. Nach einer kurzen Bedenkzeit sagte er: „Ich bin dabei.“ Dann ging alles ganz schnell: Wir haben uns eine Unterkunft gebucht, uns ins Auto gesetzt und sind von Heidelberg nach Berlin gefahren.


24 Stunden Vorbereitungszeit, ein Memorandum & ein völlig neues Rechtsgebiet

Am Vorabend bekamen wir ein Memorandum mit ersten Infos:

  • Befragung einer Werkstudentin eines Energiekonzerns

  • Schwerpunkt: Energierecht

  • Fokus: Unbundling (Trennung von Netzbetreiber und Energieversorger)

  • Verdacht: Unregelmäßigkeiten bei der Projektvergabe

Da wir keinerlei Vorerfahrung im Energierecht hatten, hieß es für uns: Einlesen, Verständnis erarbeiten, Strategie entwickeln. Da wir nicht wussten, was uns erwartet, beschäftigten wir uns u. a. mit:

  • Grundlagen des Unbundlings

  • Aufgaben der Bundesnetzagentur

  • § 298 StGB (wettbewerbsbeschränkende Absprachen)

  • einer eigenen Befragungsstruktur (die wir später komplett verworfen haben)

 

Vor Ort – Atmosphäre, Nervosität & der Wettbewerbseinstieg

Das Nationale Finale fand in den Räumlichkeiten von Becker Büttner Held (BBH) in Berlin statt – eine der führenden Kanzleien im Energierecht. Schon beim Betreten der Kanzlei wurden wir von einer außergewöhnlich offenen und herzlichen Atmosphäre empfangen. Noch bevor wir richtig angekommen waren, wurde uns ganz selbstverständlich das Du“ angeboten, was sofort jede Anspannung und Unsicherheit genommen hat. Dieser erste Moment hat direkt gezeigt, wie viel Wert die Veranstalterinnen und Veranstalter auf einen angenehmen Umgang und ein willkommenes Gefühl legen.

ELSA hatte für den Wettbewerb einen klar strukturierten Ablauf vorgesehen: Insgesamt traten 15 Teams aus ganz Deutschland an, die in parallelen Runden ihre Befragungen durchführten.

Die ersten Gruppen starteten bereits um 9:30 Uhr; Devin und ich waren in der letzten Runde eingeplant und wir mussten daher bis 14:15 Uhr auf unseren Einsatz warten. Durch das von Becker Büttner Held organisierte Rahmenprogramm mit verschiedenen Einblicken in die Kanzlei sowie einem gemeinsamen Mittagessen verging die Zeit jedoch erstaunlich schnell. 

Wir waren natürlich nervös, aber auf eine positive Art – irgendwo zwischen „Mal sehen, was da auf uns zukommt“ und „Wir kriegen das schon hin“

Sobald wir dann im Befragungsraum saßen, richtete sich unser Fokus vollständig auf das, worauf wir die ganze Zeit gewartet hatten: Die Befragung.


Die Befragung – komplette Improvisation

Wir begannen die Befragung mit einer offenen Einstiegsfrage und baten die Zeugin, zunächst frei zu schildern, was in letzter Zeit im Unternehmen passiert ist. Diese Technik der offenen Befragung kannte ich bereits aus einem ELSA-Workshop zum Thema Zeugenbefragung und sie entspricht auch der Herangehensweise, die viele Anwältinnen und Anwälte in der Praxis nutzen. 

Schon nach den ersten Minuten zeigte sich, wie hilfreich dieser Ansatz war, denn der Fall entwickelte sich sofort in eine klare Richtung. Zunächst berichtete uns die Werkstudentin von ihrem temporären Wechsel in die Büroräume des Energieversorgers. Sie erwähnte direkt, dass ihr neuer Arbeitsplatz direkt am Fahrstuhl lag und sie dadurch zwangsläufig viel mitbekam oder, wie sie selbst sagte, dass sie „ihre Augen und Ohren überall hatte“. Dabei fiel ihr besonders auf, dass ihr eigener Chef, der eigentlich in der oberen Etage arbeitete, auffallend häufig im Küchenraum des Energieversorgers auftauchte und dort immer mit derselben Kollegin im Gespräch war. Unsere vorbereitete Struktur konnten wir damit sofort vergessen. Wir mussten also improvisieren und uns ganz auf unser Gefühl verlassen. Im Rückblick war genau das unser größter Vorteil.

Durch unser gezieltes Nachfragen kamen nach und nach weitere Details ans Licht:

  • dass ihr Chef ungewöhnlich enge Gespräche mit dieser Mitarbeiterin führte,

  • dass die Zeugin ein Deckblatt mit vertraulichen Informationen gesehen hatte, dies aber zunächst nicht erwähnen wollte,

  • und schließlich, dass ihr Chef ein Drogenproblem hatte – ein Umstand, den die Kollegin kannte und für Drucksituationen nutzte, um frühzeitig Projektdetails zu erhalten.


Der Schlüssel war, die Zeugin emotional abzuholen: Sie hatte Angst vor Konsequenzen und wollte sich als Werkstudentin nicht in die Angelegenheiten ihres Chefs einmischen. Also mussten wir vertrauensvoll, ruhig, professionell und gleichzeitig zielgerichtet fragen. Tatsächlich haben sich die 40 Minuten Befragung – plus die anschließenden fünf Minuten für unser Fazit – viel kürzer angefühlt, als sie waren. Die Zeit ist regelrecht verflogen, weil es unglaublich viel Spaß gemacht hat, die Informationen Stück für Stück aus der Zeugin herauszuarbeiten. Mit jeder Antwort fügte sich das Bild ein Stück weiter zusammen, bis wir irgendwann wirklich das Gefühl hatten: „Okay, wir haben es.“


Juristische Erkenntnisse – und warum wir gewonnen haben

Wir konnten herausarbeiten, dass:

  • vertrauliche Informationen vorab weitergegeben wurden,

  • der Chef unter Druck gesetzt wurde,

  • die klare organisatorische Trennung zwischen Netzbetreiber und Energieversorger (Unbundling-Vorschriften) verletzt wurde,

  • ein Verstoß gegen § 298 StGB sehr naheliegend war.


Unsere empfohlenen Handlungsschritte:

  • IT-Analyse des Deckblatts,

  • Befragung der Kollegin,

  • Befragung des Chefs,

  • Überprüfung der Compliance-Strukturen

  • Einbindung der Bundesnetzagentur


Unser Feedback nach dem Finale: „Perfekt! Es gibt nichts auszusetzen.“ Das hat uns beide richtig überrascht – im besten Sinne –, weil wir damit überhaupt nicht gerechnet hatten.


Der Moment des Gewinns & unser Sieger-Döner

Wir wurden zum Siegerteam des Nationalen Finales der WIC 2025 gekürt und konnten uns tatsächlich gegen die 14 anderen Teams durchsetzen. Das Gefühl war unglaublich; vor allem weil die Jury nochmal betont hat, dass man es nicht besser hätte machen können und dass wir als Team außergewöhnlich gut harmoniert haben. Für uns gab es:

  • einen riesigen Scheck über 1.000 Euro, 

  • einen Pokal, 

  • eine Urkunde

  • und eine ganze Reihe an Goodies von der Kanzlei (darunter eine Thermoflasche, Marker, eine Powerbank und natürlich und ganz wichtig: die guten Kanzleisocken)

Nach dem Sektempfang und den lockeren Gesprächen mit den Mitarbeitern und den anderen Teilnehmern sind wir schließlich mit unserem riesigen Scheck durch Berlin gefahren – ein Bild, das wir beide bestimmt nicht so schnell vergessen werden.

Unser Winner’s Dinner fiel übrigens deutlich weniger glamourös aus, als man vielleicht erwarten würde: Statt Champagner oder einem schicken Restaurant entschieden wir uns (ganz berlintypisch) für Döner und zwei eiskalte Coke Zero. Und ehrlicherweise hätte es nichts Passenderes für diesen Tag geben können.

Was ELSA für mein Jurastudium bedeutet

ELSA bietet etwas an, das im Jurastudium nicht angeboten wird: Praxis, Erfahrung, Teamarbeit, Soft Skills und echte Einblicke in die juristische Welt.  Die WIC war nur eines von vielen Events, die mir gezeigt haben, wie wertvoll die Arbeit dieser Organisation ist. Ob Moot Courts, Competitions, Workshops oder Law Schools – ELSA schafft Möglichkeiten, an denen man wirklich wachsen kann. Ich kann nur sagen: Wenn Du die Möglichkeit hast, mitzumachen – mach es!

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