Um eine juristische Klausur schlüssig und nachvollziehbar zu bearbeiten, ist es entscheidend, die einzelnen Fragen in der richtigen Reihenfolge zu beantworten. Eine unsystematische Prüfung führt häufig zu logischen Brüchen, Redundanzen oder unnötig komplizierten Argumentationen. Daher gilt es, eine klare Struktur zu entwickeln, die sich an den gesetzlichen Vorgaben sowie an prozessualen und logischen Anforderungen orientiert.
Dabei ist zu beachten, dass die richtige Reihenfolge von Fall zu Fall unterschiedlich sein kann. Zudem variieren die Anforderungen je nach Rechtsgebiet, beispielsweise zwischen einer Anspruchsprüfung im Zivilrecht und einer Rechtmäßigkeitsprüfung im öffentlichen Recht. Dennoch gibt es allgemeine Grundsätze, die für eine systematische und verständliche Bearbeitung jeder Klausur hilfreich sind.
1. Reihenfolge des Gesetzes
Der erste und wichtigste Aufbauhinweis ist die Orientierung am Gesetz. Eine fundierte Klausurbearbeitung zeichnet sich dadurch aus, dass Tatbestandsmerkmale systematisch geprüft werden. Hierbei geht man Merkmal für Merkmal durch und beantwortet die sich stellenden Fragen in der gesetzlich vorgegebenen Reihenfolge.
Ein Beispiel hierfür ist die Prüfung eines vertraglichen Anspruchs im Zivilrecht: Die Prüfung beginnt mit dem Vorliegen eines Vertrages, geht über mögliche rechtshindernde, rechtsvernichtende oder rechtshemmende Einwendungen und endet mit der Durchsetzbarkeit des Anspruchs. Eine Abweichung von der gesetzlichen Reihenfolge kann dazu führen, dass relevante Aspekte übersehen oder in ihrer Bedeutung falsch gewichtet werden.
2. Prozessualen Vorrang beachten
In vielen Klausuren ist es erforderlich, vor der inhaltlichen Prüfung eines Anspruchs zunächst die prozessuale Zulässigkeit zu klären. Besonders bei verwaltungs- und verfassungsrechtlichen Klausuren spielt dies eine zentrale Rolle.
Beispielsweise ist bei verwaltungsgerichtlichen Verfahren regelmäßig zunächst zu prüfen, ob der Antrag zulässig ist, bevor man sich mit der Begründetheit auseinandersetzt. Eine Ausnahme hiervon kann in bestimmten Klausurtypen, wie der „Anwaltsklausur“, bestehen, in denen aus didaktischen Gründen eine abweichende Reihenfolge sinnvoll sein kann. Wenn die Fallfrage allerdings ausdrücklich nach einem materiellen Anspruch fragt, sollte auch mit dessen Prüfung begonnen werden, bevor die Zulässigkeitsfrage erörtert wird.
3. Logische Reihenfolgen einhalten
Eine weitere wesentliche Vorgabe für die Struktur einer Klausur ist die logische Reihenfolge der Prüfung. Dies bedeutet, dass zusammenhängende Fragestellungen in einer nachvollziehbaren Reihenfolge behandelt werden müssen.
Beispiel: Wird die Wirksamkeit eines Vertrags wegen Anfechtung geprüft und bestehen darüber hinaus Einreden gegen eine daraus resultierende Forderung, so muss die Anfechtung vor den Einreden geprüft werden. Denn nur wenn ein wirksamer Vertrag besteht, stellt sich überhaupt die Frage, ob gegen einen Anspruch Einreden erhoben werden können. Andernfalls könnte die Prüfung zu unnötigen Wiederholungen oder Unklarheiten führen.
Ein weiteres Beispiel findet sich im Strafrecht: Die Prüfung der Strafbarkeit beginnt mit dem objektiven Tatbestand, dann folgt der subjektive Tatbestand, anschließend die Rechtswidrigkeit und schließlich die Schuld. Eine andere Reihenfolge würde das Prüfungssystem durchbrechen und könnte zu fehlerhaften Ergebnissen führen.
4. Praktische Reihenfolgen beachten
Neben der gesetzlichen und logischen Reihenfolge kann es auch sinnvoll sein, bestimmte Fragen aus praktischen Gründen in einer bestimmten Reihenfolge zu beantworten. Dies betrifft vor allem die Strukturierung komplexer Sachverhalte, um die Klausur nachvollziehbarer zu gestalten und eine verschachtelte Prüfung zu vermeiden.
Ein Beispiel hierfür ist die Prüfung von mehreren konkurrierenden Anspruchsgrundlagen im Zivilrecht. Hier kann es sich anbieten, zunächst die erfolgversprechendste Anspruchsgrundlage zu prüfen, um in der Folge auf alternative Anspruchsgrundlagen nur dann einzugehen, wenn sich die erste als nicht tragfähig erweist. Ähnlich verhält es sich im Strafrecht, wenn ein Tatbestand mehrere mögliche Strafnormen berührt: Es sollte mit der Norm begonnen werden, die den schwerwiegendsten Vorwurf enthält, bevor sich die Prüfung auf leichtere Delikte erstreckt.
Fazit
Eine gut strukturierte Klausurbearbeitung zeichnet sich dadurch aus, dass sie sich an der Reihenfolge des Gesetzes orientiert, prozessuale Vorrangfragen beachtet, logische Verknüpfungen herstellt und pragmatische Gesichtspunkte berücksichtigt. Die Einhaltung dieser Reihenfolge hilft dabei, Fehler zu vermeiden, den Korrektor durch eine stringente Argumentation zu überzeugen und letztlich eine bessere Bewertung zu erreichen. Wer systematisch vorgeht, vermeidet zudem unnötige Wiederholungen und sorgt für eine klare und präzise Falllösung.