Jura-Klausuren gehören zu den größten Herausforderungen im Studium. Selbst gut vorbereitete Studierende scheitern oft nicht am fehlenden Wissen, sondern an vermeidbaren Fehlern in der Klausurtechnik und Argumentation. In diesem Beitrag zeige ich dir die fünf häufigsten Fehler und erkläre dir, wie du sie umgehen kannst, um deine Klausuren souverän zu bestehen.
1. Fehlende Struktur in der Lösung
Ein häufiger Fehler ist eine unklare oder inkonsistente Struktur der Klausurlösung. Viele Studierende schreiben einfach „drauflos“, ohne ihre Gedanken in eine juristisch saubere Form zu bringen. Eine gute Klausur folgt jedoch stets einer stringenten Gliederung:
a. Obersatz: Hier wird die Rechtsfrage klar benannt.
b. Definition: Die relevanten Begriffe werden definiert.
c. Subsumtion: Der Sachverhalt wird unter die Norm gefasst.
d. Ergebnis: Eine klare Schlussfolgerung wird gezogen.
Ohne diese Struktur verliert die Klausur an Klarheit, was dazu führt, dass der Korrektor Schwierigkeiten hat, den Gedankengang nachzuvollziehen. Um dies zu vermeiden, solltest du vor dem Schreiben eine kurze Gliederung auf einem Konzeptpapier skizzieren. So stellst du sicher, dass du systematisch vorgehst und keine wichtigen Punkte vergisst.
2. Unsaubere Subsumtion
Die Subsumtion ist das Herzstück jeder juristischen Klausur. Viele Studierende machen jedoch den Fehler, entweder gar nicht zu subsumieren oder nur oberflächlich auf den Sachverhalt einzugehen. Es reicht nicht aus, eine Definition auswendig gelernt zu haben – du musst die Norm auf den konkreten Fall anwenden.
Ein Beispiel:
Angenommen, du prüfst die Körperverletzung nach § 223 StGB. Eine fehlerhafte Subsumtion wäre: “T schlägt O. Dies stellt eine körperliche Misshandlung dar. Damit liegt eine Körperverletzung vor.”
Eine saubere Subsumtion hingegen lautet:
“T versetzt O mit der Faust einen Schlag ins Gesicht, wodurch O eine blutende Wunde an der Lippe erleidet. Eine körperliche Misshandlung liegt vor, wenn eine nicht unerhebliche Beeinträchtigung der körperlichen Integrität eintritt. Hier ist dies der Fall, da der Faustschlag zu einer blutenden Wunde führte. Die Tatbestandsvoraussetzungen des § 223 Abs. 1 StGB sind somit erfüllt.”
Achte also darauf, dass du sauber argumentierst und den Sachverhalt präzise auf die Norm anwendest.
3. Mangelnde Kenntnis der Standardprobleme
Jede Klausur enthält typische Probleme, die immer wieder abgeprüft werden. Wer diese nicht kennt oder nicht erkennt, verschenkt wertvolle Punkte. Beispiele für solche Standardprobleme sind im Strafrecht die Abgrenzung von Vorsatz und Fahrlässigkeit, im Zivilrecht die Anspruchsgrundlagenlehre und im Öffentlichen Recht die Wesentlichkeitstheorie. Die beste Methode, um hier sicherer zu werden, ist die intensive Auseinandersetzung mit typischen Klausurproblemen. Analysiere ältere Klausuren und markiere immer wiederkehrende Probleme. Erstelle eigene Übersichten und arbeite diese regelmäßig durch, damit du sie im Ernstfall sicher anwenden kannst.
4. Zeitmanagementfehler während der Klausur
Viele Studierende unterschätzen die Bedeutung eines guten Zeitmanagements. Entweder verlieren sie sich zu lange in einer Frage und kommen nicht mehr zum letzten Prüfungspunkt, oder sie schreiben zu oberflächlich und lassen wertvolle Argumente liegen. Eine bewährte Faustregel lautet: Teile die Klausurzeit in drei gleich große Abschnitte auf:
1. Erste Phase: Erfassen des Sachverhalts und Erstellen einer Gliederung (ca. 15–20 % der Zeit).
2. Zweite Phase: Schreiben der Lösung, wobei du die meiste Zeit auf die wesentlichen Streitpunkte verwendest (ca. 70 % der Zeit).
3. Dritte Phase: Kontrolle auf logische Fehler, sprachliche Ungenauigkeiten und Relevanz der Argumente (ca. 10–15 % der Zeit).
Übe dieses Zeitmanagement gezielt in deinen Probeklausuren, damit du im Examen nicht in Zeitnot gerätst.
5. Fehlende Argumentationstiefe bei Meinungsstreitigkeiten
In fast jeder Jura-Klausur tauchen Meinungsstreitigkeiten auf. Ein häufiger Fehler ist es, diese entweder gar nicht zu erkennen oder sie nur oberflächlich abzuhandeln. Wer lediglich zwei Meinungen nennt und sich dann für eine entscheidet, verschenkt wertvolle Punkte.
Eine überzeugende Argumentation sieht folgendermaßen aus:
- Darstellung der streitigen Frage: Welche juristische Frage ist umstritten
- Wiedergeben der verschiedenen Auffassungen: Was sind die Argumente der einzelnen Positionen?
- Kritische Auseinandersetzung: Welche Argumente sind stärker? Was spricht für oder gegen eine Ansicht?
- Eigene Stellungnahme: Welche Auffassung ist vorzugswürdig und warum?
Ein Beispiel: Die Frage, ob § 123 StGB (Hausfriedensbruch) auch durch bloße Einwirkung auf ein elektronisches Schließsystem verwirklicht werden kann.
- Eine Ansicht vertritt, dass dies nicht ausreicht, da ein tatsächliches körperliches Betreten erforderlich sei.
- Eine andere Ansicht meint, dass die Manipulation eines Türcodes genüge, weil dadurch die Schutzfunktion der Norm unterlaufen werde.
- Nach einer eigenen Stellungnahme könnte man argumentieren, dass die zweite Ansicht vorzugswürdig ist, weil der Schutz der Privatsphäre auch durch digitale Zugangsmechanismen gewährleistet wird.
Durch eine solche differenzierte Argumentation hebst du dich von der Masse ab und sammelst wertvolle Punkte.
Fazit
Das Bestehen einer Jura-Klausur hängt nicht nur vom Wissen, sondern vor allem von der richtigen Technik ab. Wer strukturiert schreibt, sauber subsumiert, Standardprobleme kennt, sein Zeitmanagement im Griff hat und Meinungsstreitigkeiten tiefgehend argumentiert, hat eine wesentlich höhere Erfolgschance.
Die gute Nachricht: All diese Punkte lassen sich mit der richtigen Vorbereitung und regelmäßiger Übung optimieren. Nutze Altklausuren, erstelle Argumentationsskizzen und trainiere deine Technik gezielt – dann wirst du nicht nur bestehen, sondern auch bessere Noten erzielen.