Dunkle Momente von Elisa Hoven

Dunkle Momente von Elisa Hoven

Rezensionsexemplar 

Was passiert, wenn eine Strafverteidigerin ihre Rolle überschreitet? Dunkle Momente von Elisa Hoven erzählt von Fällen, in denen genau dieses Überschreiten nicht heroisch wirkt, sondern schleichend in moralische und rechtliche Abgründe führt.

Wer ist Elisa Hoven?

Elisa Hoven ist eine deutsche Rechtswissenschaftlerin, Hochschulprofessorin und Richterin. Sie lehrt Strafrecht, Strafprozessrecht, Wirtschafts- und Medienstrafrecht an der Universität Leipzig und ist seit 2020 Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof. Sie forscht insbesondere zu Fragen der Strafzumessung, Wirtschaftskriminalität sowie zu strafrechtlichen Herausforderungen der digitalen Öffentlichkeit. Neben ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit ist sie auch als Autorin tätig und macht strafrechtliche Fragestellungen durch Sachbücher und literarische Werke einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich.

Diese Laufbahn ist mehr als bloßer Hintergrund: Sie bildet das Fundament des Romans. Die Autorin schreibt nicht aus Beobachterdistanz, sondern aus der Innensicht eines Berufs, der zwischen Recht, Moral und persönlicher Verantwortung permanent auf Spannung läuft.

Der zentrale Leitgedanke des Romans ist von der Autorin selbst klar vorgegeben: „Jede Tat hat eine Geschichte.“ Elisa Hoven setzt diesen Anspruch konsequent um, indem sie ihre Fälle nicht als abgeschlossene Schuldfragen, sondern als vielschichtige Erzählungen mit wechselnden Perspektiven anlegt. Und jede Geschichte hat eben mehr als nur eine Perspektive. Ihre Fälle zeigen, wie trügerisch erste, zweite und sogar dritte Eindrücke sind und wie schnell sich Narrative verschieben, sobald man tiefer blickt. Was auf den ersten Blick wie eindeutige Schuld erscheint, entwickelt sich zu einem komplexen Geflecht aus Motiven, Biografien, Zufällen und Fehlentscheidungen, in dem sich erst rückblickend offenbart, dass die Protagonistin nie steuernde Instanz, sondern letztlich nur wie ein Tischtennisball zwischen widerstreitenden Interessen und Ereignissen hin- und hergeworfen wurde.

Besonders stark ist das Buch dort, wo es den Konflikt zwischen beruflicher Rolle und persönlichem Empfinden offenlegt. Die Strafverteidigerin agiert innerhalb eines rechtlichen Konstrukts, das Objektivität verlangt, während Emotionen, Zweifel und moralische Dilemmata nie vollständig auszublenden sind. Hoven beschreibt eindrücklich, wie der Versuch, aus früheren Fehlern zu lernen, nicht automatisch zu besseren Entscheidungen führt, sondern häufig neue, ebenso schwerwiegende Fehler nach sich zieht. Erfahrung schützt nicht vor Irrtum.

Ohne Abschweifungen oder belehrende Exkurse gelingt es der Autorin, den moralischen Zwiespalt ihres Berufs sichtbar zu machen. Die Frage, wie gerecht der Rechtsstaat tatsächlich ist, zieht sich dabei wie ein leiser, aber stetiger Unterton durch das Buch. An mehreren Stellen wird deutlich, dass Recht notwendigerweise mit Grenzziehungen arbeitet, die manchmal nur hauchdünn sind und dennoch über Lebenswege entscheiden und oftmals ungerecht wirken.

Naheliegende Vergleiche mit Ferdinand von Schirach drängen sich auf, greifen hier jedoch zu kurz. Dunkle Momente ist kein bloßes Aneinanderreihen von Kurzgeschichten. Hoven verbindet die einzelnen Episoden zu einem Roman mit übergeordneter Thematik. Was zunächst zusammenhanglos wirken mag – vorgetäuschte Notwehr, Kannibalismus, persönliche Verstrickung in einen Mordfall, ein Kriegsverbrechen mit Kindersoldaten aus Uganda – entwickelt sich zu einem klaren roten Faden. Die Seiten fliegen, die Spannung bleibt konstant hoch, ohne effekthascherisch zu wirken. 

Für Jurastudierende liegt der Mehrwert des Buches weniger in der Vermittlung dogmatischer Kenntnisse als in der schonungslosen Darstellung eines beruflichen Selbstverständnisses, das permanent an seine Grenzen stößt. Die Protagonistin besteht immer wieder darauf, die „Wahrheit“ hinter der angeblichen Tat ihres Mandanten zu finden, obwohl genau dieses Bedürfnis sie regelmäßig in schwerwiegende Konflikte und zu Fehlentscheidungen führt. Der Roman wirft unausweichlich die Frage auf, wie weit sich eine Strafverteidigerin im Namen der Wahrheit über den Willen des Mandanten hinwegsetzen darf und ob gerade dieses Streben nach Wahrheit im Strafverfahren nicht in Fehlentscheidungen mündet, die schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen.

True-Crime-Leserinnen und -Leser erhalten zugleich spannende, dicht erzählte Fälle, die durch juristische Einblicke ergänzt werden, ohne belehrend zu wirken und auch für Nichtjuristen gut zugänglich bleiben. Zum Schluss lohnt der bewusste Blick auf den Rahmen: Dunkle Momente ist ein fiktiver Roman. Die Vielzahl an Wendungen dürfte im echten Leben selten in dieser Dichte auftreten. Gerade darin liegt jedoch seine Stärke. Das Buch zeigt, wie leicht man falsch liegen kann, wie schnell man trotz bester Absichten falsch handelt und wie begrenzt die Möglichkeit ist, Wahrheit und Gerechtigkeit vollständig zur Deckung zu bringen. Wie weit darf ein Strafverteidiger gehen? Und wie viel Gerechtigkeit kann Recht tatsächlich leisten?

Fazit: Dunkle Momente ist ein äußerst spannendes, klug komponiertes und zugleich unterhaltsames Buch, das sich in einem Zug lesen lässt. Eine klare Empfehlung – insbesondere als Geschenk für True-Crime-Fans und alle, die spüren wollen, wie schmal der Grat manchmal zwischen moralischer Überzeugung und rechtstaatlicher Bindung ist.

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