Zum ersten Mal seit mehreren Jahren sind in Mecklenburg-Vorpommern wieder sämtliche Referendarstellen vollständig besetzt. Insgesamt 73 angehende Juristinnen und Juristen haben zum 1. Dezember ihren Vorbereitungsdienst im nordöstlichsten Bundesland aufgenommen. Was auf den ersten Blick wie eine bloße Verwaltungsnotiz wirkt, hat tatsächlich eine erhebliche Signalwirkung – gerade im Hinblick auf die bevorstehende Pensionierungswelle in der Justiz.
Ein Rekord, der Hoffnung macht
Wie Justizministerin Jacqueline Bernhardt mitteilte, erreicht das Land damit einen Wert, der zuletzt im Dezember 2022 erzielt wurde – und davor mehr als zwei Jahrzehnte nicht. Die Justiz in Mecklenburg-Vorpommern steht wie viele Bundesländer vor großen Personalabgängen: Bis 2033 scheiden rund 282 Juristinnen und Juristen aus, nahezu die Hälfte des aktuellen Personals. Umso wichtiger ist eine stabile Nachwuchsgewinnung.
Warum der plötzliche Aufschwung?
Mecklenburg-Vorpommern schreibt zweimal jährlich rund 70 Referendarstellen aus. In der Vergangenheit blieben diese Plätze jedoch regelmäßig unbesetzt – trotz Flexibilisierungen wie:
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Möglichkeit der Verbeamtung auf Widerruf,
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Teilzeit-Referendariat,
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und strukturell guter Work-Life-Balance im Land.
Dass nun alle Stellen besetzt werden konnten, werten viele als Zeichen steigender Attraktivität des Standorts. Interessant ist zudem die Herkunft der Neu-Referendare: 37 von 73 haben ihr Jurastudium in Greifswald absolviert, also in Mecklenburg-Vorpommern selbst. Die anderen kommen überwiegend aus NRW und Hamburg – der Standort scheint also auch überregional an Zugkraft zu gewinnen.
Die alte Debatte: Braucht Rostock wieder ein Jurastudium?
Parallel dazu flammt erneut die Diskussion auf, ob Mecklenburg-Vorpommern nicht erneut zwei juristische Fakultäten benötigt. Seit der Einstellung des Jurastudiums in Rostock im Jahr 2008 ist Greifswald der einzige Standort im Land – und viele halten das für unzureichend.
Schon 2019 wurde darauf hingewiesen, dass Greifswald allein die Ausbildungskapazitäten langfristig nicht stemmen könne. Die Linke hatte damals gefordert, ein vollwertiges Jurastudium in Rostock wieder einzuführen. Neben der Nachwuchssicherung gäbe es dafür auch finanzielle Argumente: Das Ausbilden eigener Juristen ist günstiger, als später Fachkräfte aus anderen Bundesländern abzuwerben.
Reicht eine volle Besetzung für echten Aufwind?
Die positive Entwicklung ist zweifellos ein gutes Zeichen – dennoch sollte man vorsichtig sein, darin bereits eine Trendwende zu sehen. Denn:
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Die Pensionierungswelle ist immens.
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Der Justizalltag zeichnet sich durch hohe Belastung und schwierige Arbeitsbedingungen aus.
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Die Konkurrenz mit wirtschaftlich starken Ländern wie Bayern, NRW oder Baden-Württemberg bleibt intensiv.
Gleichzeitig zeigt die vollständige Besetzung, dass auch kleinere Bundesländer mit der richtigen Mischung aus Lebensqualität, Ausbildungsperspektiven und Standortvorteilen attraktiv sein können.
Fazit
Die Nachricht aus Mecklenburg-Vorpommern ist ein ermutigendes Zeichen für die juristische Nachwuchssituation in Deutschland. Wenn es dem Land gelingt, diesen Trend zu verstetigen – und vielleicht durch ein zweites Studienangebot zu untermauern –, könnte es langfristig eine stabile Rolle im Wettbewerb um die besten Köpfe einnehmen.

