Wir von LSG (Anna und Chewar) waren am 07. Dezember 2025 in Mannheim als Gasthörer zu „True Crime Live – Angeklagt: Schuldig oder nicht?“ eingeladen. Die Show, moderiert von Tagesschau-Sprecher Constantin Schreiber und Strafverteidiger Dr. Alexander Stevens, zeigt eindrucksvoll, wie spannend Recht außerhalb der Universität sein kann.

Wer beide Namen hört, verbindet vor allem Bekanntes:
Constantin Schreiber kennen viele als seriöse Stimme der 20-Uhr-Tagesschau, als Autor politischer Sachbücher und als Journalisten mit Nahost-Expertise. Doch hinter der nüchternen Nachrichtenpräsenz steckt weit mehr: Schreiber versteht es, komplexe politische und gesellschaftliche Themen verständlich aufzubereiten und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Seine Fernsehdokumentationen, Reportagen und Moderationen zeigen, dass er nicht nur informiert, sondern vermittelt – und damit Brücken schlägt zwischen Fakten, Emotionen und der Öffentlichkeit. Auf der Bühne eines True-Crime-Formats bringt er genau diese Stärke ein: Klarheit, Präsenz und die Fähigkeit, Menschen durch ein Thema zu führen, das juristisch anspruchsvoll und zugleich gesellschaftlich relevant ist.
Dr. Alexander Stevens dagegen ist Deutschlands wohl bekanntester Strafverteidiger im Bereich Sexual- und Medienstrafrecht, Bestsellerautor und Podcast-Host. Kaum jemand schafft es so präzise wie er, die Dynamiken von Strafprozessen, Medienwirkung und gesellschaftlicher Wahrnehmung zu erklären. Als Anwalt hat er bundesweit beachtete Fälle vertreten, als Autor schafft er es, juristische Realität für ein breites Publikum verständlich und spannend aufzubereiten. Gleichzeitig prägt er die kriminalpolitische Debatte – ob in TV-Formaten, Interviews oder in seinem erfolgreichen True-Crime-Podcast. Stevens ist damit nicht nur Verteidiger im Gerichtssaal, sondern auch Stimme der juristischen Öffentlichkeit, die Einblicke in eine sonst oft verschlossene Welt gibt.
Gemeinsam bringen sie ein Format auf die Bühne, das Fachwissen, Spannung und Interaktion verbindet: Ein echter Kriminalfall wird live „verhandelt“, Beweise werden präsentiert, beide Seiten argumentieren – und am Ende entscheidet das Publikum als Jury über Schuld oder Unschuld.
Welcher Fall wurde besprochen?
Der Fall eines • 21-jährigen Mannes (und eines Komplizen) aus Starnberg bei München: Er soll Anfang Januar 2020 seine Eltern und seinen Freund erschossen haben – laut Anklage, um an das Waffenarsenal des Freundes zu gelangen. Dr. Stevens vertrat einen der Mitangeklagten und kritisierte die Ermittlungsarbeit scharf: „Die Staatsanwaltschaft hat ihre Wissenslücken mit viel Fantasie statt mit Ermittlungsarbeit gefüllt.“ Er wies darauf hin, dass alternative Tat- und Motivszenarien nicht ausreichend berücksichtigt worden seien.
Was macht das Event so spannend?
Das Format selbst machte den Abend einzigartig und grenzte sich deutlich von einer klassischen Bühnenlesung oder Panel-Diskussion ab. Nach einer packenden Einführung in den Fall – dramaturgisch aufgebaut wie eine Gerichtsverhandlung – präsentierte Constantin Schreiber als Anklage seine Sicht der Dinge, während Dr. Alexander Stevens die Rolle der Verteidigung einnahm. Es fühlte sich an wie ein Schwurgerichtssaal im Konzerthaus: Argumente wurden gesetzt, Fragen aufgeworfen, Beweisdetails hervorgeholt und Motive seziert.
Doch das Publikum war nicht nur Beobachter. Über einen QR-Code auf der Leinwand konnten die Zuschauer mit ihrem Smartphone live abstimmen, wie sie die Beweislage einschätzten: Wirkt die Anklage überzeugend? Oder bestehen Zweifel, die eher zugunsten des Angeklagten sprechen? Die Abstimmungsergebnisse erschienen unmittelbar als Grafik auf der Bühne. Dieser Moment hatte etwas Juryhaftes – die sonst so stille Masse wurde zum aktiven Entscheidungsträger. Erst danach gingen die Debatten weiter, wodurch sichtbar wurde, wie Meinungsbilder entstehen, kippen oder verfestigt werden können.

Je tiefer der Abend fortschritt, desto intensiver wurde verhandelt. Psychologische Aspekte wurden beleuchtet, juristische Wertungen gegeneinander gestellt, Manipulationstechniken erklärt und mögliche alternative Szenarien diskutiert. Der Fall wurde „bis zur Spitze“ argumentiert, wie man es im echten Strafrecht nennen würde – nicht oberflächlich, sondern in seinen innersten Widersprüchen und Grauzonen.
Gerade für Jurastudierende, Referendare oder Menschen, die Recht nur aus Nachrichtenberichten kennen, war das ein seltener Blick ins Herz des Strafrechts: eine lebendige Fallbearbeitung, bei der man nachvollziehen konnte, wie Recht entsteht, wie Argumente wirken und wie eng die Grenzen zwischen Überzeugung und Zweifel sein können. Strafrecht wurde an diesem Abend nicht gelehrt, sondern erlebt – emotional, streitbar und dennoch didaktisch.
Und dann kam ein Finale, mit dem kaum jemand gerechnet hatte: Nach Stunden intensiver Analyse, Abstimmungen und juristischer Kontroverse setzte sich Dr. Alexander Stevens an das Klavier und sang live. Ein Moment, der zunächst überraschend, dann aber wohltuend befreiend wirkte. Es war, als würde sich die zuvor aufgebaute Spannung im Saal lösen und der schwerwiegende Fall einen menschlichen Abschluss finden.
Dieses musikalische Epilog zeigte auf charmante Weise, dass Recht nicht nur Logik, Paragrafen, Akten und Beweiswürdigung ist – sondern auch Kultur, Ausdruck, Erzählung und Persönlichkeit. Hier wurde sichtbar: Auch Strafrecht lebt von Menschen, Gefühlen und Momenten, die verbinden.
Unser Fazit
Für uns als juristische Plattform war diese Einladung mehr als ein Eventbesuch. Sie zeigte deutlich, dass Rechtswissenschaft nicht nur im Hörsaal oder im Examen stattfindet. Jura kann Bühne sein, Podcast, Journalismus, Aufklärung, Kultur und Unterhaltung.
Die Botschaft des Abends: Wer Jura studiert, muss nicht zwingend in Kanzlei oder Verwaltung landen. Es gibt Karrierewege als Host, Analyst, Crime-Reporter, Sachbuchautor oder als Stimme juristischer Öffentlichkeit. Recht wird dann zum Werkzeug gesellschaftlicher Debatte – verständlich, emotional und relevant für ein breites Publikum.
„Angeklagt“ macht genau das sichtbar und schafft einen Raum, in dem juristische Bildung nahbar wird. Eine inspirierende Einladung für Studierende, Referendar:innen und alle, die Recht nicht nur lesen, sondern erleben wollen.

