Boxer, Erstakademiker, Jurist — wie Oualid El Ouakili seinen eigenen Weg gegangen ist

Boxer, Erstakademiker, Jurist — wie Oualid El Ouakili seinen eigenen Weg gegangen ist Law School Germany

Oualid hat keinen klassischen Weg ins Recht genommen: Hauptschule, Leistungssport, kein akademisches Elternhaus – und trotzdem Erstes Juristisches Staatsexamen. Im Interview spricht er offen darüber, was ihn angetrieben hat, was ihn fast gebremst hätte, und warum er das Imposter-Syndrom heute als verlorene Zeit betrachtet.

Wer Oualids Werdegang hört, versteht schnell: Herkunft ist kein Urteil. Von der Hauptschule über den Leistungssport bis zum Ersten Juristischen Staatsexamen hat er einen Weg zurückgelegt, den viele für unrealistisch halten – und spricht im Interview ungewohnt offen darüber, was das wirklich bedeutet.


Wie würdest du dich in drei Sätzen beschreiben – abseits von Jura? 

  • Ich bin spontan für vieles zu haben.

  • Ich setze insgesamt mehr auf Disziplin und Wille als auf tagesformabhängige Gefühle.

  • Nur Höhen wären langweilig, es muss ja auch mal Tiefen geben



Du bist in Deutschland geboren, deine Eltern kommen aus Marokko. Wie hat dich das geprägt – kulturell, sprachlich, im Denken? 

Ich habe schon einen starken kulturellen Teil meiner Heimat Marokko übernommen und lebe ihn ebenfalls aus. Da ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin, habe ich den direkten Vergleich zwischen den Kulturen. Dementsprechend kann ich mir gut von beiden Kulturen die besten Werte rausfiltern, wie zum Beispiel die marokkanische Herzlichkeit und sie für mich verwenden. Aber insgesamt muss ich dennoch sagen, dass ich manchmal die Dickköpfigkeit eines Marokkaner besitze. Das kann oft fördernd sein und manchmal auch nicht.



Wie warst du in der Schule – was für ein Schüler warst du?

Ich habe nicht den Weg eines Musterschülers gewählt, dass kann ich schonmal sagen. In der Grundschule waren meine Noten eher mager, da ich mich nicht wirklich für Schule interessiert habe. Ab der 5. Klasse wurden dann die Noten besser. Aus welchem Grund das war, kann ich tatsächlich nicht sagen, denn meine Motivation war zu dem Zeitpunkt nicht wirklich gestiegen. 



Du hast die Hauptschule besucht und dich dann Schritt für Schritt nach oben gearbeitet. Wann war der Moment, in dem du gemerkt hast: Ich kann mehr? 

Ich glaube, dass war zum Zeitpunkt der Neunten Klasse, als ich merkte, dass sich die Noten nun seit 4 Jahren konstant im guten bis sehr guten Bereich bewegen. Auch wenn uns auf der Hauptschule ein wenig durch die Blume gesagt worden ist, dass wir doch eine Ausbildung nach dem Abschluss suchen sollten, hatte ich das Gefühl, dass ein Potenzial in mir steckt, dass nur den richtigen Platz finden muss.

 

Was wolltest du nach dem Abitur machen – gab es neben Jura noch andere Pläne oder Träume?

Während des Abiturs war ich noch stark im Leistungssport involviert – daher lag die Antwort zunächst auf der Hand: Es sollte etwas mit Sport sein. In meinen Gedanken spielte ich tatsächlich immer wieder mit der Idee, in den Bereich Sportmanagement zu gehen.

 

Deine Familie kennt das Akademikerleben nicht aus eigener Erfahrung – deine Brüder haben alle eine Ausbildung gemacht. Wie war das für dich, diesen Weg alleine zu gehen? 

Alles war neu für mich. Plötzlich war ich von Menschen umgeben, die alle mindestens das Abitur hatten, oft aus Akademikerhaushalten kamen und scheinbar schon eine klare Vorstellung von ihrer Zukunft und ihren beruflichen Zielen hatten – zumindest haben sie das behauptet. Diese neue Umgebung war nicht erschreckend, aber im ersten Moment definitiv gewöhnungsbedürftig.


Welche Herausforderungen begegnen einem konkret im Alltag, wenn niemand im Umfeld weiß, wie das Uni-System funktioniert?

Meinen Freunden und meiner Familie zu erklären, dass Lerneinheiten von sechs bis acht Stunden über die gesamte Vorlesungszeit hinweg als Jurastudent völlig normal sind, war nicht leicht. In meinem Umfeld war es ungewohnt, dass ich von heute auf morgen deutlich weniger Zeit hatte. Ich glaube, das war zu Beginn des Studiums die größte Herausforderung.

Gleichzeitig weiß man, wie wichtig es ist, familiäre und freundschaftliche Beziehungen zu pflegen, damit sie langfristig bestehen bleiben. Genau diesen Ausgleich trotz der hohen Belastung zu finden, ist eine der zentralen Aufgaben im Jurastudium.



Wo hatten Kommilitonen mit akademischem Elternhaus einen spürbaren Vorteil – und wie bist du damit umgegangen? 

Um ehrlich zu sein, hatte ich anfangs den Eindruck, dass alle bereits sehr konkrete berufliche Ziele hatten. Rückblickend kann ich jedoch sagen, dass sich diese Vorstellungen schnell relativiert oder deutlich verändert haben. Die Juristerei eröffnet so viele Türen in unterschiedlichsten Rechtsgebieten, dass man vieles zunächst selbst erleben und erfahren muss, bevor man wirklich einschätzen kann, was einem Freude bereitet – und was nicht.

An diesem Punkt möchte ich betonen: Kein Plan zu haben, kann manchmal genau der richtige Plan sein.



Was hat dich letztlich dazu gebracht, Jura zu studieren – und nicht etwas Zugänglicheres?

Zum Teil wollte ich mir selbst beweisen, dass ich auch vermeintlich unzugängliche Dinge meistern kann. Gleichzeitig hatte ich keine klare Vorstellung davon, wie meine Zukunft konkret aussehen sollte, und Jura, Medizin sowie Psychologie galten für mich als die klassischen „anspruchsvolleren“ Studiengänge. Aus dieser Auswahl heraus erschien mir Jura damals einfach am spannendsten.

 

Wie waren die ersten Wochen im Jurastudium – was hat dich überrascht, was hat dich verunsichert?

Die ersten Wochen waren für mich vor allem von Unsicherheit geprägt. Ich hatte oft das Gefühl, nicht hierhin zu gehören und mich erst beweisen zu müssen. Viele wirkten von Anfang an souverän, während ich noch versucht habe, meinen Platz zu finden. Genau diese Gedanken haben mich am Anfang am meisten verunsichert. Gleichzeitig war es aber auch spannend, so viele neue Dinge zu hören und kennenzulernen. Die Inhalte waren komplett neu, und genau das hat auch einen gewissen Reiz ausgemacht.



Was hat dich von anderen unterschieden – im Guten wie im Schlechten? 

Was mich von anderen unterschieden hat – im Guten wie im Schlechten – ist wahrscheinlich mein Hintergrund. Das mag sich vielleicht ungewöhnlich anhören, aber ich kam einfach aus einer anderen Welt. Ich kannte Nischen, die in der typischen „Jura-Bubble“ kaum vertreten sind – sei es durch den Leistungssport im Boxen oder durch Erfahrungen aus sozial schwächeren Verhältnissen. Gerade am Anfang wurde ich dadurch auch unterschätzt. Rückblickend war das aber eher ein Vorteil.




Wie hast du dein Studium und dein Referendariat finanziert? 

Ich habe mein Studium und später auch das Referendariat durch eine Mischung aus verschiedenen Tätigkeiten finanziert. Ein wichtiger Bestandteil waren Jobs in der gehobenen Gastronomie, die mir eine gewisse finanzielle Flexibilität gegeben haben. Parallel dazu war ich im E-Commerce aktiv, habe eigene Projekte aufgebaut und letztlich zwei Homepages erfolgreich verkauft. Mit fortschreitendem Studium kam dann noch die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in Kanzleien dazu, wodurch ich nicht nur finanziell besser aufgestellt war, sondern auch wertvolle praktische Einblicke in den juristischen Alltag gewinnen konnte


Welche Phasen haben dich im Studium besonders gefordert – und was hat dir geholfen, durchzuhalten?

Besonders fordernd waren für mich die Phasen, in denen alles zusammenkam: hoher Lernaufwand, Leistungsdruck und gleichzeitig das Gefühl, nie wirklich „fertig“ zu sein – gerade in der Examensvorbereitung. Auch Momente, in denen Klausuren nicht so liefen wie erhofft, haben mental reingehauen. Was mir geholfen hat, war mir immer wieder klarzumachen, warum ich überhaupt angefangen habe – und mir kleine Etappenziele zu setzen, statt nur auf das große Ganze zu schauen. Außerdem hat mir ein gewisser Pragmatismus geholfen: einfach weitermachen, auch wenn es mal nicht perfekt läuft.

Und ein Gedanke, der mich wirklich getragen hat: Wenn es bis hierhin geklappt hat, dann klappt es auch bis zum Ende.


 

Du bist Leistungssportler – Rhein-Ruhr-Wupper-Meister im Boxen. Was bedeutet der Sport für dich? 

Der Sport bedeutet für mich sehr viel mehr als nur Wettkämpfe und Titel. Boxen hat mir Disziplin, Struktur und Durchhaltevermögen gegeben – Eigenschaften, die mir auch im Studium enorm geholfen haben. Gerade in schwierigen Phasen war das Training für mich ein Ausgleich und gleichzeitig ein Anker. Im Ring lernst du, mit Druck umzugehen, Rückschläge zu akzeptieren und trotzdem weiterzumachen. Diese Mentalität überträgt sich eins zu eins auf andere Lebensbereiche.

Der Titel als Rhein-Ruhr-Wupper-Meister ist natürlich etwas Besonderes, aber noch wichtiger ist für mich der Weg dahin und die Entwicklung, die ich durch den Sport gemacht habe. Am Ende sehe ich mich klar als jemand, der aus dem Boxen kommt: Ich bin ein Boxer, der Jura macht – und kein Jurist, der boxt.



Du sagst, mit 15 warst du kein guter Verlierer. Wie hat sich das verändert – und was hat diesen Wandel ausgelöst? 

Mit 15 war ich einfach jemand, der nicht gerne verloren hat. Niederlagen haben mich schnell genervt, und ich wollte sie am liebsten direkt abhaken, statt mich wirklich damit auseinanderzusetzen. Mit der Zeit hat sich das aber verändert – vor allem durch den Boxsport. Dort kommst du gar nicht drum herum, dich mit Niederlagen zu beschäftigen. Ich habe gelernt, genauer hinzuschauen und aus Fehlern etwas mitzunehmen, statt sie nur als Rückschlag zu sehen.
Heute gehe ich deutlich ruhiger damit um. Niederlagen gehören dazu, und oft sind sie genau die Momente, aus denen man am meisten lernt.




Wie gehst du mit Druck um – im Ring und im Studium?

Im Ring empfinde ich keinen Druck – im Gegenteil. Dort kann ich meine volle Persönlichkeit ausleben. Gleichzeitig habe ich durch den Sport gelernt, auf meinen Körper und meinen Geist zu hören, sie bewusst wahrzunehmen und zu kontrollieren. Diese Kontrolle gibt mir Ruhe und Fokus, gerade in intensiven Momenten.

Im Studium und im Referendariat ist der Druck eher präsent – durch Prüfungen, Erwartungen und den ständigen Anspruch, Leistung zu bringen. Damit gehe ich vor allem strukturiert um: Ich versuche, einen klaren Plan zu haben und die Dinge Schritt für Schritt abzuarbeiten.

Am Ende hilft mir aber genau das, was ich aus dem Ring mitnehme: Ruhe bewahren, bei mir bleiben und auch unter Druck handlungsfähig sein.


Was machst du gerade – und wo willst du hin? 

Aktuell bin ich Referendar in der Verwaltungsstation und sammle dort praktische Erfahrungen im öffentlichen Recht und in der behördlichen Arbeitsweise. Das ergänzt meine bisherige Ausbildung sehr gut, weil man nochmal eine andere Perspektive auf juristische Entscheidungen und Abläufe bekommt.

Für die Zukunft habe ich ein paar konkrete Pläne, über die ich noch nicht zu viel verraten möchte. Aber klar ist für mich: Ich will nicht einfach nur den klassischen juristischen Weg gehen. Mich interessiert besonders die Verbindung von Recht, Praxis und Digitalisierung.

Mein Ziel ist es, Dinge nicht nur zu verwalten, sondern weiterzudenken – die Juristerei und die Digitalisierung ein Stück weit mitzuentwickeln und moderner zu gestalten.



Was würdest du heute anders machen, wenn du nochmal von vorne anfangen könntest? 

Wenn ich nochmal von vorne anfangen könnte, würde ich insgesamt ruhiger an die Sache rangehen und mir selbst weniger Druck machen.

Ich habe am Anfang viel zu sehr dieses Gefühl vom Imposter-Syndrom zugelassen – also die ständige Frage, ob ich überhaupt hierhin gehöre. Rückblickend war das unnötig und hat Energie gekostet, die ich besser ins Lernen und Entwickeln hätte stecken können.

Heute würde ich mir eher vertrauen, mehr bei mir bleiben und akzeptieren, dass Unsicherheit am Anfang ganz normal ist. Man wächst sowieso Schritt für Schritt rein – da muss man nicht alles sofort können oder verstehen.


Welche drei konkreten Tipps gibst du Studierenden mit, die gerade unsicher sind, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen haben? 

  1. Ein schlechtes Semester ist kein Scheitern.
    Wenn ihr mal ein Semester „vergeigt“ habt – was dann? Die Welt dreht sich trotzdem weiter. Morgen ist wieder ein neuer Tag, und arbeiten werdet ihr im Leben sowieso genug. Entscheidend ist nicht ein einzelner Abschnitt, sondern der Weg insgesamt.

  2. Vergleicht euch weniger mit anderen.
    Gerade am Anfang wirkt es oft so, als hätten alle alles im Griff. Das stimmt selten. Viele kämpfen mit denselben Unsicherheiten, zeigen es nur nicht. Fokus auf den eigenen Fortschritt hilft mehr als ständiger Vergleich.

  3. Unsicherheit ist kein Zeichen für den falschen Weg.
    Zweifel gehören dazu, besonders in anspruchsvollen Studiengängen. Die Frage ist nicht, ob man sich immer sicher fühlt, sondern ob man bereit ist, weiterzugehen und sich zu entwickeln.

 

Und was sagst du jemandem, der aus einem ähnlichen Umfeld kommt wie du – Migrationshintergrund, nicht-akademisches Elternhaus – und sich fragt, ob Jura wirklich für ihn ist? 

Probier es aus – und wenn du wirklich Spaß daran hast, dann hör genau hin: Du wirst von vielen Menschen hören, dass du doch lieber etwas „Greifbares“ studieren solltest. Du wirst Zweifel und auch Unfairness erleben.

Aber glaub mir: Genau dadurch wird der Erfolg am Ende umso kostbarer. Manchmal muss man sich sein Glück selbst nehmen, statt darauf zu warten.



Letzte Frage: Was weißt du heute, was du dir gewünscht hättest, schon am ersten Studientag zu wissen?

Vieles wird schwerer geredet, als es am Ende wirklich ist. Entscheidend ist nicht, ob etwas leicht ist, sondern ob du bereit bist, es konsequent durchzuziehen.

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