Melissa hat das erste Staatsexamen endgültig nicht bestanden. Während viele über bestandene Examina und Karrierewege sprechen, wird über dieses Thema oft geschwiegen. Jahre später entschied sie sich, ihre Geschichte auf LinkedIn zu teilen. Der Beitrag löste zahlreiche Reaktionen aus und zeigte, wie groß das Bedürfnis nach einem offenen Austausch über das Scheitern in der juristischen Ausbildung ist. Im Interview blickt Melissa auf ihren Weg zurück, spricht über die Zeit nach dem Examen und darüber, wie sie ihren beruflichen Platz abseits des klassischen juristischen Karrierewegs gefunden hat.
Werdegang und Studium
Wie war dein Werdegang?
Nach meinem Abitur habe ich direkt mit dem Jurastudium an der Christian-Albrechts-Universität Kiel begonnen und dort bis zum ersten Staatsexamen studiert.
Nach dem Studium führte mich mein Weg in eine strafrechtliche Anwaltsboutique, in der ich als Quereinsteigerin als Anwaltsassistenz tätig war. Dort habe ich gemerkt, wie viel Freude mir die Arbeit in einer Kanzlei macht. Besonders die enge Zusammenarbeit mit Mandanten, die organisatorischen Abläufe und die Arbeit im Team haben mir gezeigt, dass ich mir meine berufliche Zukunft sehr gut in diesem Umfeld vorstellen kann.
Deshalb habe ich mich dazu entschieden, die Ausbildung zur Rechtsanwaltsfachangestellten zu absolvieren, die ich in verkürzter Zeit abgeschlossen habe. Heute arbeite ich als Kanzleimanagerin in einer Hamburger Kanzlei und bin nach wie vor sehr froh, meinen Platz in der juristischen Welt gefunden zu haben.
Wieso hast du dich für Jura entschieden?
Das Interesse für den juristischen Bereich war bei mir schon relativ früh da. Mich haben Sprache, Argumentation und die Arbeit mit komplexen Sachverhalten schon immer fasziniert. Außerdem hatte ich lange den Wunsch, später einmal Staatsanwältin zu werden.
Ein weiterer Punkt war sicherlich, dass ein Jurastudium viele berufliche Möglichkeiten eröffnet und man sich nicht schon zu Beginn auf einen ganz bestimmten Berufsweg festlegen muss.
Während des Studiums habe ich dann schnell gemerkt, dass mich insbesondere das Strafrecht begeistert. Jeder Fall ist anders, es wird nie langweilig und häufig geht es für die Beteiligten um sehr viel. Diese Mischung aus juristischer Arbeit, menschlichen Schicksalen und spannenden Sachverhalten hat mich von Anfang an besonders angesprochen.
Das Nichtbestehen
Woran lag es, dass du das Examen nicht bestanden hast?
Rückblickend waren es verschiedene Faktoren, die dazu geführt haben, dass ich das Examen nicht bestanden habe.
Eine der größten Herausforderungen war für mich, bei der enormen Stoffmenge die richtige Lernmethode zu finden. Das Jurastudium und insbesondere das Staatsexamen unterscheiden sich in dieser Hinsicht von vielen anderen Studiengängen. Es gibt keine Prüfungen, die schrittweise in die Endnote einfließen. Stattdessen hängt am Ende sehr viel von wenigen Examensklausuren ab, während man gleichzeitig über Jahre hinweg einen sehr umfangreichen Prüfungsstoff präsent halten muss.
Dadurch entsteht ein erheblicher psychischer Druck, mit dem jede Person unterschiedlich umgeht. Daneben gab es noch weitere Faktoren, die letztlich dazu beigetragen haben, dass es am Ende nicht gereicht hat. Einen einzelnen Grund für das Nichtbestehen kann ich daher nicht benennen.
Was genau hätte dir geholfen, das Examen zu bestehen?
Eine pauschale Antwort darauf habe ich nicht. Rückblickend denke ich, dass mir vor allem früher die Erkenntnis geholfen hätte, dass es im Examen nicht nur auf Fleiß und Fachwissen ankommt. Es ist genauso wichtig eine Lernstrategie zu entwickeln, die zu einem selbst passt und einen Umgang mit dem Druck zu finden, der mit dieser Prüfung einhergeht.
Außerdem hätte mir wahrscheinlich mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten geholfen. Im Jurastudium und insbesondere in der Examensvorbereitung neigt man schnell dazu, sich ständig mit anderen zu vergleichen und den Fokus auf das zu richten, was man noch nicht kann.
Letztlich ist das aber eine Frage, die sich im Nachhinein nur schwer beantworten lässt. Es gab nicht den einen Hebel, den man hätte umlegen müssen, damit alles anders ausgegangen wäre. Es ist meines Erachtens ein Zusammenspiel vieler Faktoren, das dafür sorgt, ob man das Studium erfolgreich bewältigt bekommt oder nicht.
Der Weg an die Öffentlichkeit
Wieso hast du dich entschieden, erst einige Jahre später darüber zu sprechen?
Ich habe mich bewusst erst einige Jahre später dazu entschieden, öffentlich darüber zu sprechen. Zum einen habe ich Zeit gebraucht, um das endgültige Nichtbestehen des Staatsexamens für mich selbst zu verarbeiten. Direkt nach dem Examen hätte ich darüber nicht in dieser Offenheit sprechen können.
Zum anderen ist mir gerade auf LinkedIn aufgefallen, dass dort verständlicherweise vor allem Erfolge geteilt werden: das bestandene Examen, die verteidigte Dissertation oder der nächste Karriereschritt. Was man deutlich seltener liest, sind Geschichten über Umwege, Rückschläge oder darüber, dass etwas eben nicht auf Anhieb geklappt hat. Dabei gehören auch diese Erfahrungen zum Berufsleben vieler Menschen dazu.
Mittlerweile kann ich offen über meinen Weg sprechen, weil ich mit meiner aktuellen beruflichen Situation sehr glücklich bin. Mit dem nötigen Abstand ist mir bewusst geworden, dass das Nichtbestehen des Examens zwar ein einschneidendes Ereignis war, aber nicht darüber entschieden hat, ob ich beruflich meinen Platz finde. Genau deshalb wollte ich meine Geschichte teilen und einen kleinen Beitrag dazu leisten, dass auch über solche Erfahrungen offener gesprochen wird.
Mit welcher Reaktion hast du gerechnet, und welche Reaktion hast du tatsächlich bekommen?
Ich war mir ehrlich gesagt vorher nicht ganz sicher, was mich erwartet. Ich habe schon damit gerechnet, dass es einzelne gibt, die das nachvollziehen können oder gut finden. Ich war auch darauf eingestellt, dass es vielleicht kritische oder zurückhaltende Reaktionen geben könnte, einfach weil es kein typisches Thema für LinkedIn ist.
Umso überraschender war für mich, wie viel positives Feedback tatsächlich gekommen ist. Ich habe viele Nachrichten und Kommentare bekommen von Menschen, die sich in Teilen wiedergefunden haben oder einfach dankbar waren, dass das Thema einmal offen angesprochen wird. Das hat mich wirklich berührt.
Was mich am meisten überrascht hat, war, wie viele ähnliche Geschichten es gibt, über die sonst kaum gesprochen wird. Und dass viele sich offensichtlich genau diesen offenen Austausch gewünscht haben.
Der Weg danach
Was genau machst du nun beruflich, und ist dieser Beruf als Alternative doch erfüllend?
Heute bin ich ausgebildete Rechtsanwaltsfachangestellte und arbeite als Kanzleimanagerin in einer Hamburger Kanzlei. Mein Alltag ist dabei ziemlich vielseitig und dreht sich vor allem um die Organisation im Kanzleialltag, die Koordination von Abläufen und die Unterstützung des Teams.
Ursprünglich hatte ich beruflich etwas anderes im Kopf. Durch meinen Einstieg in einer Kanzlei habe ich dann aber recht schnell gemerkt, dass mir genau dieses Umfeld total liegt und ich mich in dieser Arbeit wirklich wiederfinde.
Heute würde ich sagen, dass ich meinen Beruf nicht nur sehr gerne mache, sondern ihn in vielerlei Hinsicht sogar lieber ausübe als den Weg, den ich ursprünglich geplant hatte. Ich habe da wirklich meinen Platz gefunden und schätze besonders die Mischung aus Verantwortung, Struktur und Teamarbeit.
Welche Veränderung wünschst du dir für die juristische Ausbildung?
Ich würde mir wünschen, dass die juristische Ausbildung insgesamt etwas mehr Entlastung und Struktur über den gesamten Studienverlauf hinweg bietet.
Gerade zu Beginn hört man häufig Sätze wie: „Schauen Sie links und rechts von sich. Diese Personen werden im Laufe des Studiums nicht mehr neben Ihnen sitzen.“ Aus meiner Sicht trägt eine solche Aussage von Anfang an dazu bei, dass ein sehr hoher Leistungsdruck und ein starkes Konkurrenzgefühl entsteht.
Ein Ansatz, der aus meiner Sicht entlastend wirken könnte, wäre ein integrierter Bachelor of Laws. Das würde nicht nur zusätzliche Sicherheit geben, sondern auch verhindern, dass man im Fall eines Nichtbestehens ausschließlich auf den Schulabschluss zurückfällt.
Außerdem könnten zwischenzeitliche Prüfungsleistungen, die bereits in die Endnote einfließen, dazu beitragen, die Leistung stärker über den gesamten Studienverlauf zu verteilen, statt sie im Wesentlichen auf wenige Examensklausuren zu konzentrieren. Dadurch würde sich der Druck besser auf mehrere Etappen verteilen lassen.
Insgesamt würde ich mir mehr Transparenz über verschiedene mögliche Wege im juristischen Bereich wünschen sowie ein Prüfungsmodell, das Leistung stärker über einen längeren Zeitraum abbildet und damit weniger alles auf eine einzige Prüfungssituation zuspitzt.
Abschlussfrage
Welche Botschaft hast du an all diejenigen, die das Examen nicht bestanden haben?
Ich glaube, das Wichtigste ist, sich selbst nicht nur über dieses eine Ergebnis zu definieren.
Wenn man das Examen nicht besteht, fühlt sich das im ersten Moment oft sehr endgültig an. So war es auch bei mir. Mit etwas Abstand wird aber klar, dass das Leben und der berufliche Weg nicht an dieser Stelle stehen bleiben, sondern sich weiterentwickeln, auch wenn es anders verläuft als geplant.
Ich finde es wichtig, sich selbst die Zeit zu geben, das überhaupt erst einmal zu verarbeiten, ohne sofort eine neue Richtung finden zu müssen. Dieser Moment der Unsicherheit gehört dazu.
Mit der Zeit entsteht dann oft ein realistischerer Blick auf das eigene Leben. Es gibt nicht den einen richtigen Weg, der für alle gilt. Es gibt Wege, die sich entwickeln und die am Ende genauso stimmig sein können, auch wenn sie anfangs nicht so ausgesehen haben.

