Flora Antonyan: Das kleine Mädchen aus Armenien wollte Gerechtigkeit – heute ist sie Anwältin

Flora Antonyan: Das kleine Mädchen aus Armenien wollte Gerechtigkeit – heute ist sie Anwältin Law School Germany

Flora Antonyan ist Rechtsanwältin beim Kieler Mieterverein und setzt sich dort für Mieter:innen ein, die oft keine Stimme haben. Sie ist gebürtig aus Armenien und lebt in Deutschland. Im Mai 2026 war sie Protagonistin der ZDF-WISO-Dokumentation „ForecastMe: Ersetzt KI Anwältinnen und Anwälte?", in der sie ihren Arbeitsalltag öffentlich machte und sich dem Vergleich mit einem KI-Tool stellte. Auf Social Media ist sie aktiv und teilt rechtliche und gesellschaftliche Themen.

 

Herkunft und Zweisprachigkeit

Du bist in Armenien geboren und in Deutschland aufgewachsen – wie war das für dich, zwischen zwei Sprachen und Kulturen groß zu werden?

Ich war erst zwei Jahre alt, als wir von Armenien nach Deutschland gekommen sind. Viele denken deshalb, dass man sich an diese Zeit gar nicht erinnern kann. Aber auch kleine Kinder spüren, wenn ihre Familie vor großen Herausforderungen steht. Wir haben die ersten Jahre in einem Flüchtlingsheim gelebt, und obwohl meine Eltern immer versucht haben, uns ihre Sorgen nicht zu zeigen, merkt man als Kind natürlich trotzdem, dass vieles unsicher ist.

Die ersten Jahre waren nicht immer leicht. Ich habe mich weder im Kindergarten noch später in der Schule sofort wohlgefühlt. Man wächst mit dem Gefühl auf, zwischen zwei Welten zu stehen.

Die Sprache selbst war für mich allerdings nie die größte Herausforderung. Meine Eltern haben großen Wert darauf gelegt, dass wir Deutsch lernen, und gleichzeitig darauf geachtet, dass wir unsere armenischen Wurzeln nicht verlieren. Rückblickend bin ich sehr dankbar für diese Erfahrung. Zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen hat mich geprägt. Es hat mich offen, anpassungsfähig und auch sehr ehrgeizig gemacht. Heute sehe ich es als große Stärke, beide Perspektiven in mir zu vereinen.


Welche Rolle spielt Armenisch heute noch in deinem Leben – privat und beruflich?

Armenisch spielt bis heute eine sehr wichtige Rolle in meinem Leben. Ich spreche die Sprache fließend und habe nach wie vor enge familiäre Verbindungen nach Armenien. Mit Verwandten, die nicht in Deutschland leben, kommuniziere ich selbstverständlich auf Armenisch. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar, denn sie haben großen Wert darauf gelegt, dass wir unsere Muttersprache behalten und gleichzeitig Deutsch auf hohem Niveau lernen.

Diese Zweisprachigkeit empfinde ich heute als großes Geschenk. Sie verbindet mich mit meiner Herkunft und ermöglicht mir gleichzeitig, mich in unterschiedlichen kulturellen Kontexten sicher zu bewegen.

Auch beruflich spielt das eine Rolle. Gerade mit Blick auf meine Tätigkeit als Rechtsanwältin und meine Selbstständigkeit möchte ich Menschen unterstützen, die vielleicht erst seit kurzer Zeit in Deutschland leben oder sprachliche Hürden haben. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie herausfordernd es sein kann, sich in einem fremden Land zurechtzufinden.


Gibt es Situationen, in denen Zweisprachigkeit dir im juristischen Alltag konkret hilft?

Ja, auf jeden Fall. Ich hatte bereits mehrfach Kontakt zu armenischsprachigen Mandantinnen und Mandanten, und in solchen Situationen ist es natürlich ein großer Vorteil, wenn man dieselbe Sprache spricht. Gerade rechtliche Themen sind oft komplex und für viele Menschen ohnehin mit Unsicherheit verbunden. Wenn dann noch Sprachbarrieren hinzukommen, wird es schnell schwierig.

Die Möglichkeit, juristische Sachverhalte auf Armenisch zu erklären oder zumindest zwischen beiden Sprachen wechseln zu können, schafft oft Vertrauen und Verständnis. Viele Menschen fühlen sich dadurch sicherer und trauen sich eher, Fragen zu stellen.

Darüber hinaus hilft mir nicht nur die Sprache selbst, sondern auch das Verständnis für kulturelle Hintergründe. Manchmal geht es im juristischen Alltag nicht nur darum, Gesetze zu erklären, sondern Menschen dort abzuholen, wo sie stehen. Dabei kann ein gemeinsamer kultureller Hintergrund sehr hilfreich sein.

Deshalb sehe ich meine Zweisprachigkeit nicht nur als persönliche Bereicherung, sondern auch als echten Mehrwert für meine berufliche Tätigkeit.

 

Warum Jura?

Du hast als Kind schon Ungerechtigkeit wahrgenommen – was genau hat dich damals bewegt, und inwiefern hat das die Berufswahl beeinflusst?

Natürlich bekommt man als Kind mit, dass ein Neuanfang in einem fremden Land Herausforderungen mit sich bringt. Auch wenn meine Eltern immer versucht haben, meine Schwester und mich von Sorgen fernzuhalten, habe ich mit zunehmendem Alter verstanden, welche Leistungen sie eigentlich erbracht haben.

Meine Eltern sind Akademiker und haben großen Wert auf Bildung gelegt. Sie haben die deutsche Sprache sehr schnell gelernt und alles dafür getan, sich hier ein neues Leben aufzubauen. Trotzdem habe ich erlebt, dass ein Neuanfang selbst für gut ausgebildete Menschen nicht immer einfach ist. Es gibt sprachliche, gesellschaftliche und manchmal auch rechtliche Hürden, die man erst verstehen und überwinden muss.

Mich hat beeindruckt, mit wie viel Disziplin, Fleiß und Optimismus meine Eltern diesen Weg gegangen sind. Gleichzeitig habe ich früh gemerkt, wie wichtig es ist, die eigenen Rechte zu kennen und sich im Rechtssystem zurechtzufinden.

Dadurch entstand bei mir der Wunsch, Jura zu studieren. Ich wollte verstehen, wie unser Rechtssystem funktioniert und wie man Menschen dabei helfen kann, ihre Rechte wahrzunehmen. Schon früh hatte ich das Gefühl, dass Recht mehr ist als Gesetze und Paragraphen. Es kann Menschen Orientierung geben, Chancengleichheit fördern und ihnen dabei helfen, für ihre Interessen einzustehen. Genau dieser Gedanke hat meine Berufswahl geprägt.


Was genau fandest du als Kind ungerecht, und was wolltest du verändern?

Was ich als Kind besonders ungerecht empfunden habe, war die unterschiedliche Behandlung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft. Wir sind in Mecklenburg-Vorpommern aufgewachsen, und gerade in den 1990er-Jahren waren Vorurteile gegenüber Menschen mit Migrationsgeschichte vielerorts noch deutlich stärker spürbar als heute.

Ich habe früh wahrgenommen, dass Menschen manchmal anders behandelt wurden, nur weil sie aus einem anderen Land kamen oder einen anderen Hintergrund hatten. Teilweise hatte man das Gefühl, sich mehr beweisen zu müssen, um akzeptiert zu werden. Für mich war das schwer nachvollziehbar, weil ich nie verstanden habe, warum Herkunft darüber entscheiden sollte, wie man einem Menschen begegnet.

Mit zunehmendem Alter wurde mir bewusst, wie wichtig Gleichbehandlung, Chancengleichheit und ein funktionierender Rechtsstaat sind. Genau diese Erfahrungen haben meinen Wunsch verstärkt, mich mit Recht zu beschäftigen und Menschen dabei zu unterstützen, ihre Rechte wahrzunehmen und durchzusetzen.


Für welche Menschen und welche Art von Problemen wolltest du dich einsetzen?

Mir ging es eigentlich nie darum, mich nur für eine bestimmte Gruppe von Menschen einzusetzen. Mein Wunsch war vielmehr, Menschen zu helfen, die Unterstützung brauchen und sich in schwierigen Situationen befinden. Ich wollte einen Beruf ausüben, in dem ich nicht nur rechtliche Probleme löse, sondern Menschen in wichtigen Lebenssituationen begleiten kann.

In meiner Tätigkeit beim Kieler Mieterverein habe ich genau das erlebt. Dort habe ich Menschen beraten, die oft vor existenziellen Herausforderungen standen - sei es wegen einer Kündigung, Schimmel in der Wohnung, einer Mieterhöhung oder anderen Konflikten mit Vermietern. Gerade im Mietrecht geht es nicht nur um Paragraphen, sondern häufig um das eigene Zuhause und damit um einen sehr zentralen Lebensbereich. Viele Menschen kommen mit Sorgen, Unsicherheiten oder Ängsten in die Beratung, und es hat mir immer viel bedeutet, sie auf diesem Weg zu unterstützen.

Diesen Gedanken möchte ich auch in Zukunft weiterführen. Ab Juli beginnt für mich mit der Selbstständigkeit ein neues Kapitel. Dabei werde ich mein Tätigkeitsfeld erweitern und neben dem Mietrecht auch Mandate im Medienrecht übernehmen. Unabhängig vom jeweiligen Rechtsgebiet ist meine Motivation jedoch dieselbe geblieben: Menschen dabei zu helfen, ihre Rechte zu verstehen, selbstbewusst wahrzunehmen und gute Lösungen für ihre individuellen Herausforderungen zu finden.

Für mich war Jura deshalb nie nur ein Beruf, sondern immer auch eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und einen positiven Beitrag für andere Menschen zu leisten.

 

 

Studium

Wo hast du Jura studiert und wie waren die ersten Semester für dich – was war anders als erwartet?

Ich habe Jura an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel studiert. Die ersten Semester waren für mich unglaublich aufregend. Es war eine völlig neue Welt, und ich habe mich sehr auf diesen neuen Lebensabschnitt gefreut.

Natürlich war man anfangs auch etwas überfordert. Plötzlich musste man sich selbst organisieren, seinen Alltag eigenständig strukturieren und mit einer enormen Menge an neuem Wissen umgehen. Das war schon eine große Umstellung.

Gleichzeitig habe ich die Studienzeit von Anfang an sehr genossen. Ich habe viele tolle Menschen kennengelernt. Trotz der Herausforderungen habe ich mich an der Universität und in Kiel schnell zu Hause gefühlt. Insgesamt blicke ich sehr positiv auf meine ersten Semester zurück, weil sie für mich eine Zeit des Lernens, der persönlichen Entwicklung und vieler neuer Begegnungen waren.


Welche Hürden hattest du im Studium, und wie bist du damit umgegangen?

Die größte Herausforderung war für mich die Umstellung von der Schule auf die Universität. Man kommt aus einem Umfeld mit festen Strukturen und muss plötzlich alles selbst organisieren. Gleichzeitig lebt man  zum ersten Mal allein, ist in einer neuen Stadt, lernt neue Menschen kennen und absolviert ein Studium, das fachlich sehr anspruchsvoll ist.

Was mir dabei besonders geholfen hat, waren die Menschen um mich herum. Ich hatte das Glück, sehr schnell Anschluss zu finden und mich mit meinen Kommilitoninnen und Kommilitonen auszutauschen. Daraus sind nicht nur Lerngruppen, sondern auch echte Freundschaften entstanden.

Wir haben uns gegenseitig unterstützt, motiviert und durch schwierige Phasen getragen. Dadurch entstand ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Rückblickend glaube ich, dass genau dieser Zusammenhalt ein wichtiger Grund dafür war, warum ich die Herausforderungen des Studiums so gut bewältigen konnte. Man hatte nie das Gefühl, allein zu sein, sondern ist den Weg gemeinsam gegangen.

 

Arbeitsalltag als Anwältin

Du arbeitest beim Kieler Mieterverein – wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Aktuell bin ich noch beim Kieler Mieterverein tätig, werde aber im Sommer den Schritt in die volle Selbstständigkeit als Rechtsanwältin gehen.

In den vergangenen zweieinhalb Jahren war mein Arbeitsalltag beim Mieterverein sehr intensiv und von einer hohen Taktung geprägt. In der Regel hatte ich alle 30 Minuten einen neuen Beratungstermin. Dadurch habe ich täglich mit den unterschiedlichsten mietrechtlichen Fragestellungen zu tun gehabt -  von Schimmel und Mieterhöhungen bis hin zu Kündigungen und komplexen Konflikten zwischen Mietern und Vermietern.

Besonders spannend war dabei die Vielfalt der Menschen, die zu uns gekommen sind. Ich habe Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen beraten, darunter auch viele Personen mit Sprachbarrieren oder existenziellen Sorgen. Gerade weil die Wohnung für die meisten Menschen der Mittelpunkt ihres Lebens ist, geht es im Mietrecht oft um sehr persönliche und emotionale Themen. Hinter jedem Fall steckt eine individuelle Geschichte.

Die Arbeit war deshalb nicht nur juristisch anspruchsvoll, sondern erforderte auch viel Einfühlungsvermögen. Man war manchmal fast ein Stück weit Psychologin, weil man Menschen in schwierigen Lebenssituationen begleitet hat.

Je nach Arbeitstag war ich bis zu 10 Stunden im Einsatz. Neben den Beratungen habe ich Schreiben gefertigt, Fälle nachbearbeitet und mich auf die Termine des nächsten Tages vorbereitet. Dabei wechselten sich persönliche Beratungsgespräche und telefonische Termine regelmäßig ab. Jeder Tag war zwar ähnlich strukturiert, aber durch die unterschiedlichen Menschen und Schicksale dennoch abwechslungsreich


Welches Bild vom Anwaltsberuf hat sich bestätigt – und welches hat sich als Irrtum herausgestellt?

Ich glaube, viele Menschen verbinden den Anwaltsberuf mit dem Bild aus Film und Fernsehen: spannende Gerichtsverhandlungen, spektakuläre Plädoyers und ein gewisser Glamour. Die Realität sieht meistens etwas anders aus. Ein großer Teil der Arbeit findet am Schreibtisch statt. Man arbeitet mit Akten, recherchiert, verfasst Schreiben und beschäftigt sich oft sehr detailliert mit rechtlichen Fragestellungen.

Während meines Studiums, des Referendariats und meiner ersten beruflichen Stationen habe ich jedoch nach und nach ein sehr realistisches Bild vom Berufsalltag bekommen. Deshalb gab es für mich später keinen großen Aha-Moment oder Irrtum, der sich aufgelöst hätte. Vieles von dem, was ich heute im Berufsleben erlebe, entspricht dem Bild, das sich über die Jahre entwickelt hat.

Bestätigt hat sich vor allem, dass der Beruf ein hohes Maß an Verantwortung, Genauigkeit und Durchhaltevermögen erfordert. Viele rechtliche Auseinandersetzungen lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Oft braucht es Geduld, strategisches Vorgehen und eine sehr sorgfältige Arbeitsweise, um Ansprüche erfolgreich durchzusetzen.

Gleichzeitig hat sich bestätigt, was mich von Anfang an an Jura begeistert hat: die Möglichkeit, Menschen bei der Lösung ihrer Probleme zu unterstützen und sie durch schwierige Situationen zu begleiten. Genau dieser direkte Kontakt zu den Menschen macht den Beruf für mich bis heute besonders spannend und erfüllend.


Was würdest du Berufsanfänger:innen für den Start ihrer Karriere raten?

Mein wichtigster Rat wäre: Einfach machen.

Gerade im Jurastudium und auch während der Ausbildung begegnet man ständig hohen Erwartungen - von außen, aber oft auch an sich selbst. Viele vergleichen sich mit anderen, haben Angst zu versagen oder das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Diese Selbstzweifel kennen wahrscheinlich die meisten Juristinnen und Juristen.

Deshalb ist es wichtig, mehr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Wer zwei Staatsexamina bestanden hat, hat bereits bewiesen, dass er leistungsfähig, belastbar und fachlich qualifiziert ist. Daran sollte man sich immer wieder erinnern, gerade in Momenten, in denen man an sich zweifelt.

Außerdem würde ich jungen Kolleginnen und Kollegen raten, offen für Veränderungen zu bleiben. Es ist überhaupt keine Schande, den ersten, zweiten oder sogar dritten Job zu wechseln. Genauso wenig ist es ein Problem, später festzustellen, dass ein bestimmtes Rechtsgebiet doch nicht das Richtige für einen ist. Die ersten Berufsjahre sind dafür da, Erfahrungen zu sammeln, sich auszuprobieren und herauszufinden, was wirklich zu einem passt.

Mir persönlich hat auch der Austausch mit erfahreneren Kolleginnen und Kollegen sehr geholfen. Man merkt dabei schnell, dass Unsicherheiten, Fehler und Umwege völlig normal sind und fast jeder ähnliche Erfahrungen gemacht hat.

Rückblickend würde ich sagen: Niemand muss von Anfang an den perfekten Karriereweg kennen. Viel wichtiger ist es, neugierig zu bleiben, Chancen zu nutzen und sich zu erlauben, den eigenen Weg Schritt für Schritt zu finden.

 

Künstliche Intelligenz

Du warst Protagonistin der ZDF-Doku über KI und den Anwaltsberuf – wie hast du dich dabei gefühlt, dich mit einem KI-Tool direkt zu konfrontieren?

Ich fand die Erfahrung unglaublich spannend. Zum einen war es natürlich etwas Besonderes, mit dem ZDF und der Produktionsfirma zusammenzuarbeiten. Zum anderen fand ich es faszinierend, mich direkt mit einer Technologie auseinanderzusetzen, die unseren Berufsalltag schon heute verändert und in Zukunft noch stärker prägen wird.

Für mich war die Dokumentation eine Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft des Anwaltsberufs zu werfen. Dabei hat sich bestätigt, was ich ohnehin schon vermutet habe: Künstliche Intelligenz wird den Anwaltsberuf nicht abschaffen, aber sie wird ihn verändern.

Ich sehe darin vor allem viele Chancen. KI kann Prozesse beschleunigen, Routineaufgaben übernehmen und erste Informationen deutlich effizienter bereitstellen. Dadurch bleibt mehr Zeit für die wirklich komplexen rechtlichen Fragestellungen und die persönliche Beratung von Mandantinnen und Mandanten. Deshalb empfinde ich diese Entwicklung insgesamt als positiv.


Wie siehst du die Zukunft des Anwaltsberufs – sollte man heute noch Jura studieren?

Absolut. Ich sehe die Zukunft des Anwaltsberufs sehr positiv. Das Jurastudium vermittelt weit mehr als juristisches Fachwissen. Man lernt analytisches Denken, strukturiertes Arbeiten, Problemlösungskompetenz und den Umgang mit komplexen Sachverhalten. Diese Fähigkeiten werden auch in Zukunft gefragt sein.

Außerdem eröffnet ein Jurastudium unglaublich viele berufliche Möglichkeiten. Neben der klassischen Tätigkeit als Rechtsanwältin oder Rechtsanwalt stehen Wege in die Justiz, die Verwaltung, Unternehmen oder viele andere Bereiche offen.

Deshalb bin ich überzeugt, dass es auch in Zukunft Anwältinnen, Anwälte, Richterinnen, Richter und Staatsanwältinnen und Staatsanwälte brauchen wird. Die Werkzeuge mögen sich verändern, aber die Menschen, die Verantwortung für rechtliche Entscheidungen übernehmen, bleiben unverzichtbar.


Wird die Arbeit durch KI anspruchsvoller oder entspannter?

Ich glaube, sie wird beides.

Auf der einen Seite kann KI eine enorme Entlastung schaffen. Viele standardisierte Tätigkeiten lassen sich schneller erledigen, wodurch Arbeitsabläufe effizienter werden.

Auf der anderen Seite bedeutet das nicht automatisch weniger Arbeit. Vielmehr werden sich die Schwerpunkte verschieben. Wenn Routineaufgaben wegfallen oder automatisiert werden, bleibt mehr Raum für komplexe rechtliche Fragestellungen, strategische Entscheidungen und neue Herausforderungen. Hinzu kommen völlig neue Rechtsfragen rund um den Einsatz von KI selbst.

Deshalb glaube ich nicht, dass der Beruf einfacher wird. Er wird sich verändern  und vielleicht sogar noch anspruchsvoller werden, weil die Anforderungen an juristische Bewertung, Kontrolle und Verantwortung steigen.


Was kann KI deiner Meinung nach im Rechtswesen grundsätzlich nicht ersetzen?

Was KI niemals vollständig ersetzen kann, ist der menschliche Faktor.

In meiner täglichen Arbeit habe ich immer wieder erlebt, dass Mandantinnen und Mandanten nicht nur eine rechtliche Einschätzung suchen. Viele Menschen möchten verstanden werden, ihre Sorgen schildern und das Gefühl haben, dass jemand ihre Situation wirklich nachvollzieht.

Gerade im Mietrecht, aber auch in vielen anderen Rechtsgebieten, geht es oft um existenzielle Fragen und persönliche Schicksale. Dort braucht es Empathie, Fingerspitzengefühl und die Fähigkeit, Vertrauen aufzubauen.

Eine KI kann Informationen liefern und Prozesse unterstützen. Sie kann aber nicht die menschliche Beziehung ersetzen, die zwischen Anwältin und Mandant entsteht. Genau deshalb wird die persönliche Beratung auch in Zukunft ein zentraler Bestandteil des Anwaltsberufs bleiben.

 

Abschlussfrage

Das kleine Mädchen aus Armenien, das Ungerechtigkeit nicht hinnehmen wollte – hat die Anwältin Flora diesen Wunsch erfüllt?

Ich würde sagen: Ja.

Wenn ich heute auf meinen Weg zurückblicke, bin ich stolz auf das, was ich erreicht habe. Nicht, weil alles immer einfach war, sondern gerade weil es Herausforderungen gab, Rückschläge und Momente, in denen man an sich gezweifelt hat.

Das kleine Mädchen, das als Kind erlebt hat, wie schwierig ein Neuanfang in einem fremden Land sein kann, wollte verstehen, wie unsere Gesellschaft funktioniert und wie man Menschen helfen kann. Genau das darf ich heute jeden Tag tun.

In meiner Arbeit als Juristin und Anwältin konnte ich bereits viele Menschen unterstützen -  sei es im Mietrecht, bei rechtlichen Konflikten oder einfach dabei, ihre Rechte besser zu verstehen. Besonders erfüllt mich, dass ich Menschen helfen kann, die sich in schwierigen Situationen befinden und Unterstützung brauchen.

Darüber hinaus habe ich durch meine Tätigkeit auf Social Media die Möglichkeit, Wissen zu teilen, Jurastudierenden und Referendarinnen und Referendaren Mut zu machen und Einblicke in einen Beruf zu geben, der oft als unnahbar wahrgenommen wird. Auch das ist für mich eine Form, etwas zurückzugeben.

Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass ich noch längst nicht am Ziel bin. Im Gegenteil: Ich stehe mit meiner Selbstständigkeit gerade erst am Anfang eines neuen Kapitels. Es gibt noch viele Ideen, Projekte und Menschen, die ich begleiten möchte.

Deshalb würde ich sagen: Ja, ich habe mir einen großen Teil dieses Wunsches erfüllt. Aber ich freue mich genauso darauf, ihn auch in Zukunft weiter mit Leben zu füllen.

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