Interview mit Felix & Clemens - "Die Juristen"

Interview mit Felix & Clemens - "Die Juristen" Law School Germany

Felix und Clemens haben beide Jura studiert und machen heute juristischen Aufklärungs-Content in Zusammenarbeit mit funk, ARD und ZDF. Das Interview soll alternative Karrierewege für Jurist:innen sichtbar machen und zeigen, wie sich komplexe Rechtsthemen für ein Massenpublikum aufbereiten lassen.


Woher kennt ihr euch?

Wir haben uns im Casting für "Die Juristen" kennengelernt. Das Projekt wurde von funk initiiert, es gab eine große Ausschreibung und in diesem Prozess haben wir uns getroffen. Teil unserer Aufgabe am „Casting-Tag“ war es, in Zweierteams immer wieder schnelle TikToks zu drehen. Dabei haben wir uns von Anfang an super verstanden und durften das Format schließlich zusammen entwickeln.


Studium & Werdegang

Wo habt ihr studiert und wie habt ihr das Studium empfunden?

Clemens: Bei mir war es die HHU Düsseldorf. Ich habe das familiäre Umfeld an der kleinen Fakultät sehr genossen. Ich habe auch nie mitbekommen, dass dort jemand Seiten aus Büchern gerissen hätte oder ähnliches. Aber das Jura-System mit dem starren Fokus auf Noten, dem Druck und auch manchmal etwas übertriebener Panikmache ist einfach ungesund. Da hilft auch nicht der verklärte Blick im Nachhinein. Da würde ich mich über Veränderung freuen.

Felix: Ich habe an der Martin-Luther-Universität in Halle (Saale) studiert, an der ich das Studium ebenfalls als sehr familiär im Vergleich zu größeren Universitäts-Städten empfunden habe. Trotzdem gibt es dort ein gutes Angebot an Schwerpunkten und einige Professorinnen und Professoren, die wirklich spannende und abwechslungsreiche Lehre machen. Ich fand vor allem das Studium nach den ersten drei Semestern – als es dann keine AGen mehr gab – sehr eintönig und zuweilen auch einsam. Ich habe versucht, es mir dann so abwechslungsreich wie möglich zu machen mit einem Erasmus-Semester, einer Lerngruppe und einem Nebenjob.


Was waren die größten Probleme, die ihr im Studium erkannt habt?

Felix: Verschiedene: Auf persönlicher Ebene hat mir im Studium vor allem der Aspekt “Teamwork” gefehlt. Bis auf die Arbeitsgemeinschaften, die ja meistens im dritten oder vierten Semester aufhören, ist Jura nicht gerade auf Zusammenarbeit angelegt. Ich habe deshalb freiwillig an Seminaren und an einem Moot Court teilgenommen und verschiedene Lerngruppen ausprobiert, um mehr im Austausch mit anderen zu arbeiten. Von Freunden von, die auf Bachelor/Master studiert haben, weiß ich, dass dort die Seminarkultur wesentlich ausgeprägter ist.

Mit Blick auf meine Mitstudierenden fand ich besonders erschreckend, zu sehen, wie viele am Druck vor dem Examen psychisch gelitten haben und dafür teilweise sogar auf Medikamente zurückgegriffen haben. Das sollte in der Ausbildungsgestaltung mehr thematisiert und auch angegangen werden.

Was gesellschaftliche Probleme angeht, fand ich die spannendste Erkenntnis, dass bei Streitigkeiten oft beide Seiten gute bis sehr gute Argumente haben und Entscheidungen deshalb wirklich schwierig werden, sobald man sich ernsthaft mit verschiedenen Standpunkten auseinandergesetzt hat.

 

Clemens: Mir ist insbesondere während meiner Forschungsarbeit an der Uni auch deutlich geworden, wie wichtig die prozessuale bzw. praktische Ebene der Rechtsdurchsetzung ist. Gefühlt liegt rechtspolitisch ein großer Fokus auf dem materiellen Recht – aber: Ohne ein sinnvolles Konzept für die praktische Durchsetzung könnte auch das schönste Gesetz der Welt wenig bewirken.

Wir sehen zum Beispiel Defizite bei der Strafverfolgung von Wirtschaftskriminalität – wenn die Ausstattung der Tatverdächtigen die der Verfolgungsbehörden übersteigt. Zivilrechtlich beobachte ich auch häufig scheinbar vorsätzliche, systematische Rechtsverletzungen in der, oft zutreffenden, Annahme, die Betroffenen würden sich ohnehin nicht dagegen verteidigen. Die Liste könnte man noch viel weiterführen, im Kern haben die Punkte jedenfalls gemeinsam: Für eine funktionierende Rechtsordnung ist die Waffengleichheit wichtig.

Ich habe mir das Ziel gesetzt, mit meiner Arbeit einen Teil hierzu beizutragen.

 

Die Idee hinter "Die Juristen"

Wie kam die Idee für "Die Juristen – mit Clemens und Felix"?

Funk wollte ein Jura-Format starten und hat erst mal nach den passenden Köpfen dafür gesucht. Wie genau das Format dann aussehen soll, haben wir im Anschluss gemeinsam entwickelt. Funk ist es sehr wichtig, dass man sich als Creator mit seinem Content identifiziert. Ich finde, man merkt bei unseren Videos auch, dass wir nicht einfach irgendeinen Text vorlesen, den jemand anderes geschrieben hat, sondern unsere eigenen Inhalte rüberbringen.


Wie sieht euer Alltag als Content-Creator-Duo aus?

Wir arbeiten beide hauptsächlich im Home-Office in unterschiedlichen Städten. Ein Großteil des Alltags besteht aus der Hintergrund-Recherche für verschiedene Themen. Dadurch, dass wir dem journalistischen Anspruch von funk in einem Spezialgebiet wie Jura gerecht werden müssen, kann das sehr aufwendig werden. Das ist aber auch richtig so, schließlich nennen wir uns “Die Juristen” - da steckt ja direkt ein Qualitätsversprechen drin.

Da werden dann auch mal vier Gesetzeskommentare zu einer Norm miteinander verglichen oder verschiedene staatliche Stellen angefragt – von der Stadtverwaltung bis zum Bundesministerium – und deren Antworten nochmal auf den Prüfstand gestellt. 

Nach der Recherche kommt dann der kreative, etwas kürzere Part: Die Erkenntnisse in ein leicht verständliches und vor allem kurzes Skript “übersetzen” und dann das Video drehen und roh schneiden. Für den Feinschliff haben wir eine großartige Cutterin (Melanie Hooker), die den Videos ihre Leichtigkeit und einen eigenen Stil schenkt.

Der gesamte Prozess erfolgt in Rücksprache mit einem Volljuristen vom ZDF und einer nichtjuristischen Redakteurin, die unsere Videos nochmal auf Korrektheit und Verständlichkeit gegenchecken.

 

Euer Themenspektrum ist sehr breit – von Fußball, Schulrecht und Polizeirecht über Strafrecht, Medienrecht und Vertragsrecht bis zur Live-Gerichtsshow und dem Sporttest der Polizei. Wie entscheidet ihr, welches Format zu welchem Thema passt?

Ja das beschäftigt uns selbst immer wieder: Machen wir zu viel?

Die meisten erfolgreichen Creator legen sich auf klare Formate fest und als Zuschauer weiß ich, was ich bekomme. Bei Die Juristen machen wir stattdessen alles Mögliche, bunt gemischt. Aber es gibt auch einfach viel zu zeigen.

Wir gehen an Orte, an die man sonst nicht kommt. Wir finden aber auch mit exklusiven investigativen Recherchen heraus, wenn Influencer oder Brands ihr Publikum hinters Licht führen wollen – wie z. B. der Musiker „Ritter Lean“ mit seiner erfundenen Knast-Geschichte. Und manchmal gibt es auch einfach locker erklärte Serviceposts von uns.

Alles sehr unterschiedlich, aber da könnten wir auf nichts verzichten.

Reichweite & Publikumsinteresse

Manche eurer Videos erzielen außergewöhnliche Reichweiten – etwa 1,7 Millionen Views zu gefälschten Gerichtsurteilen, 1,2 Millionen zur Kelle im Polizeiauto, 770.000 zur Bundeswehr-Verweigerung und knapp 500.000 zu Haftungsfragen bei Tieren. Was interessiert die breite Masse wirklich an Rechtsthemen?

Wenn wir das wüssten, dann wären nicht auch mal Flops mit 10.000 Views dabei, hahaha. Aber die Leute mögen erfahrungsgemäß z. B., wenn man einen praktischen Tipp bekommt, den man direkt umsetzen kann und der den eigenen Handlungsspielraum erweitert. Auch super ist, wenn man das Gefühl hat, das „System zu dribbeln“ – solche Tricks finden wir aber eher selten.

Besonders wichtig sind Videos, die Orientierung zu Themen wie zum Beispiel dem Wehrdienst geben, wo die Community einfach noch viele Fragezeichen und Sorgen hat.

Zuverlässig stark sind auch Videos, in denen Clemens fragwürdigen Unternehmen und Personen auf den Zahn fühlt (oder sie zur Not sogar verklagt). Zu sehen, dass man mit seinem Recht auch wirklich etwas erreichen kann und jemand das durchzieht, wovon man sonst nur träumen würde, kann sehr befriedigend sein.

 

Woher nehmt ihr eure Ideen für neuen Content?

Sehr unterschiedlich. Selten – wie beim Thema “Wehrdienst” - bietet sich ein Thema an, was auch in den “großen” Medien wie der Tagesschau auftaucht. Meistens versuchen wir eher, die Themen dort zu finden, wo wir auch stattfinden: Auf den Social-Media Plattformen selbst. Gerade auf TikTok berichten viele Leute über persönliche Stories oder Probleme, die spannende juristische Fragen aufwerfen. Ein Influencer erzählt, dass er bei seinem Abitur geschummelt hätte – wird ihm das jetzt aberkannt? Mit unseren Mitteln können wir zu solchen Fragen oft spannende Dinge herausfinden und damit direkt an die Geschichte anknüpfen. Manche Themen begegnen einem auch ganz von allein, wenn man aufmerksam mit seiner Jura-Brille durchs Leben geht.

 

Welcher Rechtsirrtum begegnet euch besonders häufig?

Der Irrtum, dass es für Mord in Deutschland “nur” 15 Jahre gibt, hält sich durchaus hartnäckig. Aber ich finde, das geht noch klar, weil es in der Praxis ja tatsächlich vorkommt, dass zu „lebenslang“ Verurteilte nach 15 bis 20 Jahren aus der Haft entlassen werden.

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Was habt ihr über die Zeit gelernt, das vorher, als ihr angefangen habt, noch nicht ersichtlich war?

Wir arbeiten permanent daran, zu verstehen, wie guter Content auf Social Media funktioniert. Auch nach inzwischen drei Jahren Erfahrung gibt es da immer neue Aha-Momente.

Eine Sache hat uns besonders überrascht: Wir hätten nicht gedacht, dass es so gut funktionieren kann, junge Menschen für rechtliche Themen zu begeistern. Das gelingt oft auch nicht, aber in den besten Fällen sind 60 – 70 % unseres Publikums unter 24 Jahre alt. Das freut uns besonders, weil es Kernaufgabe von funk ist, diese jungen Menschen zu erreichen.

 

Abschlussfrage

Wie seht die Zukunft juristischer Jobs aus? Werden irgendwann alle zu Content-Creator:innen, oder bleiben klassische juristische Berufe wie Richter:innen, Anwältinnen und Anwälte, Strafverteidiger:innen oder Berater:innen erhalten?

Felix: Ich denke, Content Creator im Bereich Jura wird weiterhin ein eher seltener Beruf bleiben, dafür ist das Thema einfach zu nischig und zu wenig unterhaltsam. Und grade in den klassischen Berufen gibt es meinem Eindruck nach immer noch genügend Bedarf an Nachwuchs. Ich persönlich kann mir gut vorstellen, nach dem Referendariat, was für mich noch ansteht, als Staatsanwalt oder Anwalt zu arbeiten.
Und auch im Journalismus gibt es neben dem Bereich “Content Creation” für Social Media noch einige andere spannende Arbeitsbereiche für Leute mit Jura-Background.

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