Jana Jürgen LL.M.: Entscheidungen nach Bauchgefühl statt nach Erwartungen anderer.

Jana Jürgen LL.M.: Entscheidungen nach Bauchgefühl statt nach Erwartungen anderer. Law School Germany

Jana Jürgen ist Strafverteidigerin mit eigener Kanzlei im Herzen Münchens – und eine der wenigen Juristinnen, die den Weg vom trockenen Hörsaal bis in echte Mordverfahren öffentlich sichtbar machen. Als Expertin im BAYERN 3 True-Crime-Podcast, auf Instagram und TikTok spricht sie über das, was Strafverteidigung wirklich bedeutet: Mandanten in ihren schwersten Stunden beistehen, Strategie unter Druck entwickeln, und das Recht auf ein faires Verfahren auch dann verteidigen, wenn die Öffentlichkeit längst verurteilt hat. 

 

Studium und Selbstzweifel 

Du hast sechs Jahre in Mainz Jura studiert – wie war das für dich, ehrlich gesagt? 

Ich glaube, man muss das Jurastudium differenziert betrachten. Das Grundstudium war für mich eine großartige Zeit. Ich habe das Unileben in Mainz in vollen Zügen genossen, war in der Fachschaft aktiv, zeitweise Unisprecherin für die Fachbereiche Rechts- und Wirtschaftswissenschaften und natürlich auf (fast) jeder Uniparty dabei.

Meine Semesterferien habe ich fast immer im Ausland verbracht und Klausuren nach dem Motto geschrieben: Ein Pferd springt nur so hoch, wie es muss. Unter Juristen nennt man das bekanntlich auch „Vier gewinnt“.

Wie jeder weiß, wird es hinten raus dann ernst. Das wurde mir spätestens in der Examensvorbereitung bewusst. Ich habe damals festgestellt, dass „Repetitorium“ von „Wiederholen“ kommt. Das war für mich an manchen Stellen eine interessante Erkenntnis, weil mir das Erzählte teilweise komplett neu vorkam.

In diesem Moment wurde mir klar, dass meine bisherige Vier-gewinnt-Mentalität mit Blick auf das Examen vermutlich nicht die schlauste Strategie gewesen war.

Also blieb nur eine Option: Zähne zusammenbeißen und für das nächste Jahr wirklich Vollgas geben. 

 

Gab es Momente, wo du gedacht hast: Das ist nichts für mich? 

In der Examensvorbereitung habe ich die Entscheidung, Jura zu studieren, oft hinterfragt. Wer tut das nicht? Tag ein, Tag aus Bibliothek, Mensaessen, Nackenschmerzen, eine riesige Stoffmenge und Themen, die man zum hundertsten Mal liest und trotzdem nicht versteht. Die Frage, ob ich aufgebe, hat sich für mich aber nie gestellt. Ich bin kein Mensch, der aufgibt. Im Gegenteil. Es haben vor mir schon so viele andere geschafft. Warum sollte ich es dann nicht schaffen?

 

Glasgow und der Master in International Law 

Nach dem ersten Staatsexamen bist du nach Glasgow gegangen und hast deinen Master in International Law and International Security gemacht– wie kam es dazu? 

Ich habe schon während des Studiums immer versucht, nicht „nur“ Jura zu studieren, sondern auch meine Zwanziger zu genießen. Deshalb habe ich die Semesterferien gerne genutzt, um ins Ausland zu gehen. Als ich dann erfahren habe, dass die Möglichkeit besteht, einen Master of Laws im Ausland zu machen, wurde ich natürlich schnell hellhörig. Das klang für mich nach einer ziemlich guten Idee.

Das Tolle war, dass die University of Glasgow damals eine Kooperation mit der Universität Mainz hatte. Dadurch konnte ich mir den LL.M. gleichzeitig als Schwerpunkt anerkennen lassen. Also: ein Jahr im Ausland, ein LL.M. und gleichzeitig den Schwerpunkt erledigt. Viel besser ging es eigentlich nicht.

 

Was hat dir dieses Auslandsjahr persönlich und beruflich gebracht?

Mein damals noch ziemlich holpriges Schulenglisch wurde zu fließendem Englisch, wovon ich bis heute profitiere – unter anderem, weil ich inzwischen auch gerne englischsprachige Mandanten betreue. Mindestens genauso wichtig, wenn nicht sogar noch wichtiger, ist aber die persönliche Entwicklung. So ein Auslandsjahr bringt einen auf ganz vielen Ebenen weiter. 

Ich kann deshalb jedem Jurastudenten und jeder Jurastudentin wirklich nur ans Herz legen, entweder einen LL.M. im Ausland zu machen oder die Möglichkeit eines Erasmus-Semesters zu nutzen. Man wächst an dieser Erfahrung unglaublich – fachlich, sprachlich und vor allem persönlich.

 

Der Einstieg ins Strafrecht 

Du hast als wissenschaftliche Mitarbeiterin in Wirtschaftskanzleien angefangen – und bist dann zum Strafrecht gewechselt. Was war der Wendepunkt?

Eigentlich würde ich gar nicht von einem Wechsel sprechen. Während des Studiums habe ich als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einer Großkanzlei gearbeitet, weil das im Rhein-Main-Gebiet damals der klassische Weg war. Außerdem wurde dort gut bezahlt.

Im Bereich M&A hatte ich eine großartige Mentorin, die mich sehr gefördert hat. Deshalb war der Plan eigentlich klar: Nach dem zweiten Examen starte ich bei ihr im Team. Das Problem war nur: Ich hatte nie wirklich Freude an der Tätigkeit. 

Meine Wahlstation habe ich dann am deutschen Generalkonsulat in Miami absolviert. Kurz davor gab es in meiner Familie eine schwere Erkrankung und diese Zeit hat meine Perspektive auf vieles verändert.

In Miami saß ich plötzlich allein mit der Erkenntnis, dass das Leben endlich ist und wir unsere Zeit nicht mit Dingen verbringen sollten, die uns nicht erfüllen. Großkanzlei war nie meine Welt. Nicht ein einziger Arbeitstag hat mich wirklich glücklich gemacht.

Also habe ich mich gefragt: Was macht mir eigentlich Freude? Und sofort musste ich an mein erstes Praktikum bei einem Strafverteidiger in München denken. Ich habe ihn noch am selben Tag angeschrieben und gefragt, ob er sich an mich erinnert. Das tat er tatsächlich. Eine Anstellung hatte er zwar nicht für mich, aber er sagte: „Ich habe noch ein Büro frei. Komm nach München und mach dich selbstständig.“

Am 15. November 2022 hatte ich meine mündliche Prüfung. Am 1. Januar 2023 saß ich mit zwei gepackten Koffern im Zug nach München. Ohne konkreten Plan. Aber mit einem unfassbar guten Bauchgefühl.

 

Strafverteidigung: Was das wirklich bedeutet 

Was passiert in dem Moment, in dem ein Mandant dich das erste Mal anruft – zum Beispiel in einem Mordverfahren? Wie baust du eine Verteidigungsstrategie auf, wenn die Aktenlage oder die Fakten  gegen deinen Mandanten spricht? 

Eine Verteidigungsstrategie braucht es immer – unabhängig davon, ob die Aktenlage günstig oder ungünstig erscheint. Wie diese Strategie dann konkret aussieht, hängt von so vielen Faktoren ab und lässt sich nicht pauschal beantworten.

Wichtig ist mir aber ein Gedanke: Strafverteidigung ist selten schwarz oder weiß. Es geht nicht immer nur um Freispruch oder Verurteilung. Dazwischen gibt es viele Nuancen und genau dort findet meiner Meinung nach wirklich gute Verteidigung statt.

 

Wie gehst du mit dem Vorwurf um, dass Strafverteidiger „Täter schützen"?

Mit einem ganz einfachen Satz: Ich schütze nicht den Täter. Ich wahre seine Rechte. Unser Rechtsstaat funktioniert nur dann, wenn jeder Mensch Anspruch auf eine effektive Verteidigung hat. Das bedeutet nicht, dass man eine Tat gutheißt oder rechtfertigt. Es bedeutet lediglich, dass man dafür sorgt, dass ein Verfahren fair geführt wird und rechtsstaatliche Grundsätze eingehalten werden.

 

Selbstzweifel im Studium, Selbstbewusstsein im Beruf 

Woher kommt das Selbstbewusstsein, mit dem du heute vor Gericht auftrittst?

Wenn mit der Frage gemeint ist, wann ich verstanden habe, dass ich viel mehr kann, als ich während des Studiums selbst geglaubt habe, dann kam dieser Moment tatsächlich sehr schnell in der Praxis.

Im Studium wird vor allem theoretisches Wissen vermittelt und abgefragt. Im Berufsalltag sind jedoch viele andere Fähigkeiten mindestens genauso wichtig. Und ich habe schnell gemerkt, dass genau diese zu meinen Stärken gehören. Ich kann gut mit Menschen umgehen, Situationen schnell erfassen und auch unter Druck ruhig bleiben. Außerdem habe ich ein gutes Gespür dafür, wann welche Reaktion gefragt ist und wie man mit ganz unterschiedlichen Menschen kommuniziert. Mit jeder praktischen Erfahrung ist dann auch mein Selbstbewusstsein gewachsen.

Ich sage oft auf Instagram: Ein guter Anwalt braucht einen soliden juristischen Werkzeugkasten. Das Fachwissen ist dabei – ohne jeden Zweifel – das wichtigste Werkzeug. Aber zu einem vollständigen Werkzeugkasten gehört eben noch viel mehr: Menschenkenntnis, Kommunikationsstärke, Durchsetzungsvermögen, Belastbarkeit und die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen einen kühlen Kopf zu bewahren. Erst das Zusammenspiel all dieser Fähigkeiten macht am Ende eine gute Anwältin oder einen guten Anwalt aus.

 

BAYERN 3, Instagram, TikTok 

Wie bist du zur Zusammenarbeit mit dem BAYERN 3 True-Crime-Podcast gekommen? 

Tatsächlich durch Social Media. Die Verantwortliche für die Neubesetzung des Podcasts ist auf eines meiner Reels gestoßen und hat mir daraufhin eine E-Mail geschrieben.

Als ich die Nachricht gelesen habe, bin ich ehrlich gesagt fast vom Stuhl gefallen.

Bis heute könnte ich mich jedes Mal selbst kneifen, wenn ich in unserem eigenen Podcast-Studio sitze und wir eine neue True-Crime-Folge aufnehmen. Dass das inzwischen Teil meines Alltags ist, fühlt sich immer noch total verrückt an. Es macht mir unfassbar viel Spaß und ich bin einfach unglaublich dankbar für diese Chance.

 

München und die Kanzlei 

Du hast dich 2023 selbstständig gemacht und bist seit 2026 bei DvM Rechtsanwälte – wie war dieser Weg, und was hat sich verändert? 

Der Weg war tatsächlich leichter, als ich gedacht hätte. Mit ein bisschen Grips kann das jeder schaffen, der diesen Weg wirklich gehen möchte.

Ich bin seit 2023 selbstständig. Das sind inzwischen über dreieinhalb Jahre. Ja, verändert hat sich vor allem, dass ich inzwischen Unternehmerin bin. Und gerade darauf bereitet einen das Jurastudium ja wirklich null Komma null vor.

Aber Leute, wenn ihr davor Angst habt: Ihr habt Jura studiert – dann werdet ihr euch die unternehmerischen Fähigkeiten doch auch aneignen können. Und wisst ihr, wenn ich das so sage – dass ich heute Unternehmerin bin –, dann klingt das vielleicht total hochgestochen oder spektakulär. Aber ich kann euch eins sagen: Jeder kocht nur mit Wasser!

Was macht München als Standort für eine Strafverteidigerin aus?

München ist als Standort für Strafverteidigerinnen und Strafverteidiger definitiv anspruchsvoll – die Konkurrenz ist groß. Gleichzeitig ist München aber eine unglaublich lebenswerte Stadt.

 

Abschlussfrage: Was würdest du jedem Jurastudenten und jeder Jurastudentin gerne mit auf den langen Weg mitgeben?

Eigentlich würde ich Jurastudierenden unglaublich viel gerne mit auf den Weg geben. Das Wichtigste ist aber wahrscheinlich: Es haben schon so viele Menschen vor euch geschafft – also schafft ihr das auch. Und gleichzeitig möchte ich euch den Druck nehmen. Wenn ihr auf dem Weg merkt, dass Jura doch nicht das Richtige für euch ist, dann ist das keine Niederlage. Manchmal ist es sogar mutiger, einen anderen Weg einzuschlagen, als an etwas festzuhalten, nur weil andere es von einem erwarten.

Seit meiner Selbstständigkeit treffe ich Entscheidungen danach, was sich für mich richtig anfühlt – und nicht danach, was andere von mir erwarten. Das hat mich persönlich unglaublich weitergebracht.  Versucht, euch nicht von Noten, dem Prädikatsexamen, dem vermeintlich perfekten Lebenslauf oder einem bestimmten Anwaltsgehalt definieren zu lassen. Hört auf euer Bauchgefühl. Es gibt nicht den einen richtigen Weg. Und vergesst bei all den Erwartungen nicht, dass es auch außerhalb dieser Jurabubble ein wunderschönes Leben gibt. Und davon haben wir nur eines.

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.

Werde Gastautor:in

Wenn es dir Spaß bereitet, Artikel, Aufsätze und Geschichten zu schreiben, dann werde Gastautor:in bei LSG und sammele deine ersten Erfahrungen im Online Publishing! 

Themen
Reiche gerne jeden Beitrag ein, der einen Bezug zur Rechtswissenschaft aufweist. Wirf einen Blick auf unsere Blogkategorien und gib uns Bescheid, in welcher Kategorie dein Beitrag erscheinen soll
Themenkategorie
Justiz, Studium, Referendariat, Zivilrecht, Öffentliches Recht, Strafrecht, Digitalisierung, Rechtsgeschichte, Persönliche Geschichten, Literatur, Lernen, Mentale Stärke, Gesundheit während der Ausbildung, Finanzen, Karrieretipps