Lina Salaie hat ihr Jurastudium unter Bedingungen begonnen, die für die meisten Kommilitoninnen und Kommilitonen unsichtbar bleiben: Fiktionsbescheinigung, ungewisser Aufenthaltstitel, ein Durchfallen in den ersten Klausuren, das plötzliche Schweigen des sozialen Umfelds. Heute hat sie das erste Staatsexamen bestanden, hostet einen Podcast zur Sichtbarkeit migrantischer Perspektiven im Rechtsstaat und positioniert sich öffentlich zu Fragen von Zugehörigkeit, Dankbarkeit und Teilhabe. Im Interview wollen wir diesen Weg nachzeichnen – nicht als Erfolgsgeschichte trotz Widerständen, sondern als das, was Lina selbst betont: eine Geschichte mit Zweifeln, Rückschlägen und Umwegen, die genauso zählt.
Wie hat dein Weg ins Jurastudium angefangen – und was hat dich zu Jura gebracht?
Mein Weg in das Jurastudium war etwas unkonventionell. Ich wollte eigentlich Lehrerin werden und Fächer wie Französisch, Geschichte und Gemeinschaftskunde unterrichten. Da ich ohne deutsche Staatsangehörigkeit geboren wurde, habe ich in meiner Kindheit und Jugend viel mit der Ausländerbehörde zu tun gehabt. Diese entschied sich als ich 15 war dazu, mir meinen Aufenthaltstitel zu entziehen. Die nächsten fünf Jahre ohne richtige Ausweispapiere waren sehr hart für mich. Um mein Problem zu lösen, habe ich viele Fachanwälte für Migrationsrecht aufgesucht, allerdings konnte mir keiner helfen. In diesem Moment wurde mir klar, dass ich auf mich alleine gestellt bin. Das Jurastudium war damit zunächst Mittel zum Zweck mir selbst zu helfen.
Du beschreibst, wie du kurz vor Studienbeginn um deine Bescheinigung der Ausländerbehörde bangen musstest. Kannst du uns diese Situation schildern – was ist da genau passiert?
Eine Fiktionsbescheinigung ist ein kleines grünes Papierchen, auf dem nicht mal ein Bild des Inhabers drauf ist. Mit diesem Ersatzdokument kann man so gut wie gar nichts anfangen, z.B. habe ich damit nicht Mal einen Besucherausweis bei meiner heimischen Stadtbibliothek beantragen können. Vor allem kann man damit nicht studieren gehen. An meiner Universität gab es aber die Möglichkeit, dieses Problem zu umschiffen, wenn man einen Nachweis der Ausländerbehörde vorlegen kann, dass diese mit der Aufnahme des Studiums einverstanden ist. Ich habe meine ganzen Sommerferien vor Semesterbeginn im Ausland verbracht, weil ich dort noch mit den Behörden gekämpft habe, um den Konflikt in Deutschland zu klären. Im Kern ging es nämlich darum, dass ich beweisen musste, nicht die Staatsangehörigkeit des Heimatlandes meines Vaters zu besitzen. Das war sehr mühselig und zeitintensiv, weshalb ich zurück in Deutschland sehr unter Zeitdruck stand und mich dazu an einem Behördenapparat abmühen musste, der vorne und hinten überlastet ist.
Wie war es, mit dieser Unsicherheit im Nacken die ersten Vorlesungen zu besuchen?
Als ich das erste Mal im Hörsaal saß, war mein Problem noch lange nicht gelöst. Mit dieser Unsicherheit das Studium aufzunehmen war zeitweise sehr erdrückend. Ich war mit den Gedanken ständig in der Zukunft und konnte die ersten Tage und Wochen überhaupt nicht genießen. Auch habe ich sofort gemerkt, dass die meisten meiner Mitstudierenden aus ganz anderen Welten kommen. Ich habe mich insgesamt sehr fehl am Platz und beobachtet gefühlt. Das wirkliche Ankommen im Studium hat dann noch mehrere Semester gebraucht.
Du erinnerst dich, wie du in der Zivilrecht-I-Vorlesung den Hörsaal bewusst eingeprägt hast, für den Fall, dass du bald nicht mehr dort sitzen würdest. Wie hat diese Art von Unsicherheit dein Studium in den ersten Semestern begleitet?
Ich habe mir ständig die Frage gestellt, ob ich, wenn meine Fiktionsbescheinigung abläuft, zwangsexmatrikuliert werde, da ich mir nicht sicher war, ob die Bescheinigung der Ausländerbehörde mit zeitlicher Begrenzung gilt. Fragen konnte ich allerdings auch niemanden, weil ich keine Aufmerksamkeit auf das Problem lenken wollte - ganz nach dem Motto: Wenn sie es nicht merken, ist alles gut. Als ich dann über die Gültigkeitsdauer hinaus war und immer noch immatrikuliert war, konnte ich kurz aufatmen. Dann kamen aber schnell die Folgefragen: Darf ich so überhaupt Examen machen, kann ich so ins Referendariat? Dazu kommt, dass kaum einer diese Probleme kennt oder nachvollziehen kann. Ich habe mich teilweise wie ein Schatten meiner selbst gefühlt.
Du bist durch die Anfängerübung im Strafrecht gefallen. Wie hast du diesen Moment erlebt?
Als ich wusste, dass ich die Anfängerübung im Strafrecht im ersten Anlauf endgültig nicht bestanden habe, habe ich mich furchtbar geschämt. Noch bevor ich mich mit meinen eigenen Gefühlen auseinandergesetzt habe, grübelte ich schon darüber, was wohl mein Umfeld jetzt über mich denkt. Ich wollte keine Versagerin sein, aber es hat sich leider genau so angefühlt. Schlechte Noten zu schreiben oder gar irgendwo durchzufallen kannte ich bis dato nicht, da ich eine sehr gute Schülerin war. In diesem Moment ist also wirklich eine Welt für mich zusammengebrochen und ich habe mir natürlich die Frage gestellt, ob Jura einfach nicht zu mir passt.
Du schreibst, dass es danach „still" wurde – Menschen, die eigentlich zu deinem Alltag gehörten, meldeten sich nicht mehr. Wie hast du diese Zeit durchgestanden?
Ich habe sofort allen Menschen geschrieben, die ich vom Studium her etwas kannte, um zu fragen, wie es bei ihnen lief. Ich hatte das Glück im Unglück, dass eine Person, mit der ich mich von Anfang an gut verstanden habe, ebenfalls durchgefallen war. Zu zweit haben wir dann alles weitere durchgestanden, so auch die Wiederholerübung, die wir mit viel Mühe irgendwie bestanden haben. Es war sehr beruhigend, in diesem Moment nicht alleine zu sein. Später habe ich durch diese Person auch andere sehr nette Menschen kennengelernt und konnte so endlich Freunde finden, für die ich mehr als nur eine Note bin.
Du sagst, du hast dich damals gefragt, ob man nur dazugehören kann, indem man funktioniert. Würdest du das heute noch genauso sehen?
Mit dem Wissen, das ich damals hatte, war eine andere Einschätzung meiner Meinung nach gar nicht möglich. Man kommt an diese wahnsinnig prestigeträchtige Universität, an der alle ein 1er Abitur haben. Die Professoren predigen davon, wie toll die hiesigen Studierenden im Examen abschneiden und alle profilieren sich plötzlich über akademischen Erfolg. Für das Scheitern wurde aber von niemandem Raum geschaffen. Als der Strafrechtsprofessor, der die Wiederholerübung leitete, seine erste Übungsstunde mit den Worten eröffnete, dass es egal sei warum wir hier sitzen und dass wir alle eines Tages tolle Jurist:innen werden könnten, konnte ich zum ersten Mal den Gedanken zulassen, dass ich nicht versagt habe. Nichtsdestotrotz ist Jura ein Hochleistungsstudium; wer nicht funktioniert, wird früher oder später aussortiert. Ich kann diese Realität nicht leugnen.
Wie hat sich der Weg von diesem Tiefpunkt zurück ins Studium entwickelt?
Meine Erfahrungen in den ersten Semestern haben mir das sogenannte Imposter-Syndrom eingebrockt. Ich habe mich wie eine Hochstaplerin gefühlt, die früher oder später auffliegen wird. Egal wie gut meine Noten später auch wurden, konnte ich nie wirklich Stolz auf mich sein. Dagegen war ich ganz besonders hart zu mir selbst, wenn ich doch wieder eine eher schlechte Note geschrieben habe. Ich bin die ganze Zeit auf Eierschalen gelaufen und habe einfach nur versucht, von Semester zu Semester und von Übung zu Übung durchzukommen. Wirklich Freude am Studium hatte ich daher eher nicht, sondern bin stetig dem nächsten Meilenstein hinterhergejagt.
Du beschreibst den Moment nach der mündlichen Examensprüfung vor dem Landgericht als deine bislang schönste Erinnerung. Was hat diesen Moment so besonders gemacht?
Am Tag meiner mündlichen Examensprüfung war es furchtbar heiß, auch im unklimatisierten Gerichtsgebäude. Die Prüfung war demnach für alle Beteiligten ziemlich anstrengend. Ich habe mich mit dem Gedanken über Wasser gehalten, dass draußen meine Liebsten auf mich warten. Als wir dann aus dem Gerichtsgebäude rausgelaufen sind, haben die Menschen für uns geklatscht und uns mit Blumen empfangen. Das war das erste Mal in meiner gesamten Jurakarriere, dass ich ernsthaft und bedingungslos Stolz auf mich selbst war. Das Examen trotz aller Widrigkeiten im Freischuss zu bestehen ist für jemanden aus meinen Verhältnissen ein wahnsinniger Erfolg, den ich nicht mehr kleinreden kann oder möchte.
Du sagst, die Menschen, die dort auf dich warteten, hättest du ohne dein damaliges „Scheitern" wahrscheinlich nie kennengelernt. Was hat sich durch den Rückschlag noch verändert – im Guten?
Abgesehen von den tollen Menschen, die ich dadurch kennengelernt habe, konnte ich eine extrem hohe Frustrationstoleranz aufbauen. Das war etwas, das mir im Leben bislang gefehlt hat. Ich habe gelernt, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie kommen. Meine stoische Grundhaltung hat bis ins Examen dafür gesorgt, dass ich mit Stress sehr gut umgehen konnte. Und natürlich kann ich mit meinen eigenen Erfahrungen Menschen, die sich in ähnlichen Situationen befinden, unterstützen und motivieren. Anderen zu helfen macht mich glücklich, weil ich finde, dass man auch auf die Menschen um sich herum achten sollte. So konnte ich mein anfängliches Scheitern am Ende doch noch in einen Gewinn umwandeln.
Was würdest du Studierenden raten, die gerade selbst durch eine Prüfung gefallen sind und nicht mehr an sich glauben?
Man muss sich vergegenwärtigen, dass eine Prüfungsleistung nur eine Momentaufnahme ist, die nichts über den Prüfling persönlich und seine Intelligenz aussagt. Das Leben geht weiter, egal wie viele Prüfungen man verhaut, aber das ist in dem Moment natürlich schwer zu glauben. Ich habe mich damals Personen, die selbst schon Jurist:innen waren und von denen ich wusste, dass sie auch mal gescheitert sind, anvertraut. Mir hat es sehr geholfen, meine Probleme von der Seele zu sprechen und gehört zu werden.
Du hostest inzwischen den Podcast „CLOSEUP | Colors of Justice", der Migrationsgeschichten im deutschen Rechtsstaat sichtbar macht. Wie kam es zu diesem Projekt?
Als ich den Schritt gewagt habe, mit meiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen, habe ich damit sehr viele Menschen erreicht. Für dieses Podcastprojekt wurde ich von ACCICE direkt angefragt. Im Kern von ACCICE steht ein interdisziplinäres Team aus Erziehungs-, Medien-, Politik- und Rechtswissenschaft. Es wird sich seit mehreren Jahren für den Rechtszugang von Geflüchteten sowie die Reform des Rechtssystems eingesetzt. Von diesen Zielen habe ich mich sehr angesprochen gefühlt, weshalb ich mich über die Zusammenarbeit sehr gefreut - und dann als Hostin zugesagt habe.
Was genau wollt ihr mit dem Format erreichen – und wen wollt ihr damit erreichen?
Wir wollen mit diesem Format zum einen die Diversität im Rechtsstaat und in rechtsstaatlichen Feldern sichtbar machen, zum anderen aber auch Recht und das Rechtssystem aus postmigrantischer Sicht kritisch hinterfragen. Besonderheit ist, dass ausschließlich migrantische Stimmen zu Wort kommen, was so ja eher eine Seltenheit ist. Erreichen wollen wir natürlich so viele Menschen wie möglich, aber vor allem solche, die in diesem Bereich vielleicht noch nicht ganz so bewandert sind. Es geht daher nicht nur um Repräsentation, sondern auch in einem gewissen Maß um (Fort-)Bildung und Aufklärung.
Du hast öffentlich Kritik an der Erwartung geübt, dass gerade Menschen wie du für ihre Teilhabe „dankbar" sein sollen. Was stört dich an dieser Erwartung konkret?
Mein Störgefühl beginnt schon dabei, dass mit dieser Erwartungshaltung eine künstliche Grenze gezogen wird, an der ich auf der einen Seite und die ,,echten” Deutschen auf der anderen Seite stehen. Wenn man eine solche Linie schon ziehen möchte, sollte man wissen, dass Menschen wie ich doppelt- und dreifach so hart arbeiten müssen, um auf denselben Positionen zu landen, wie Deutsche ohne Migrationshintergrund. Meine Teilhabe an der Gesellschaft habe ich mir Schritt für Schritt selbst erkämpft. Geschenkt hat mir absolut niemand etwas. Gerade mit den Herausforderungen, die ich im Leben so bewältigen musste, kann ich über solche Aussagen nur müde lächeln. Sie kommen ausschließlich von Menschen, die Angst vor Menschen wie mir haben und sich anders nicht mehr autoritär profilieren können.
In der ARD-Sendung „Die 100" hast du über deine Schulzeit an einer sogenannten Brennpunktschule gesprochen – und darüber, dass gerade diese Schule dir ermöglicht hat, wer du heute bist. Magst du das für uns noch einmal einordnen?
Diskussionsthema der Folge, an der ich teilgenommen habe, war die Frage, ob wir eine Obergrenze für Kinder mit Migrationshintergrund an deutschen Schulen brauchen. Diese Frage hat bei mir sofort ein derartiges Unbehagen ausgelöst, dass meine Antwort von Anfang an klar war. In der Diskussion wurde dann vielfach ein dystopisches Bild von Brennpunktschulen gezeichnet, an denen deutsche Kinder in der Unterzahl sind. Ich wäre bis dato niemals auf den Gedanken gekommen, meine Schule als Brennpunktschule zu bezeichnen, aber habe dann gemerkt, dass ich nach dem Narrativ dieser Leute wohl doch auf einer Brennpunktschule war. Ich habe dann das Wort ergriffen, um zu zeigen, dass eine solche Schule nicht per se ein Totalausfall sein muss. Diese Richtigstellung war mir in diesem Moment sehr wichtig. Meine Schule, das multikulturelle Umfeld und meine Lehrer:innen waren für mich ein Ort der Freude und des Wachsens. Ich hätte es mir anders nicht wünschen können.
Wie hängen für dich juristische Ausbildung und dieses gesellschaftliche Engagement zusammen – trennst du das, oder ist es für dich dasselbe Anliegen?
Meiner Meinung nach kann man nicht Jurist:in sein und gleichzeitig die Augen vor gesellschaftlichen Entwicklungen verschließen. Wir arbeiten vorrangig mit Menschen und menschlichen Schicksalen zusammen und werden deshalb tagtäglich mit unseren eigenen Privilegien konfrontiert. Wer die Jurist:innen von Morgen ausbildet, sollte bemüht sein, aus ihnen auch möglichst engagierte, offene und empathische Menschen zu machen. Für mich ist mein gesellschaftliches Engagement daher unerlässlicher Bestandteil meines Berufes und meiner beruflichen Ausbildung.
Abschlussfrage: Wenn du der Lina von damals – die vor dem Verwaltungsgebäude steht und um ihre Bescheinigung bangt – heute begegnen könntest: Was würdest du ihr sagen?
Ich würde sie am liebsten in den Arm nehmen und ihr sagen, dass alles gut wird. Sie wird diesen Aufenthaltstitel zurückbekommen, sie wird eingebürgert und sie wird auch das Staatsexamen bestehen. Jede Sorge, so berechtigt sie auch war, löst sich irgendwann in Luft auf.

