Abitur mit 0,8, zwei Studiengänge gleichzeitig, Jura mit Prädikat, 4.000 Karteikarten, 110 Klausuren, 1 System, 1 Gott und 1 Hund. Martin Georg Scheugenpflug hat nicht einfach gut gelernt – er hat verstanden, wie Jura funktioniert. Warum das ein Unterschied ist und was andere daraus mitnehmen können, erzählt er hier.
- Wie warst du in der Schule – und warum Jura?
- Wie liefen die ersten Semester und die ersten Klausuren?
- Welche Lernmethoden haben funktioniert – und welche nicht?
- Wie hast du dir die großen Strukturen eines Rechtsgebiets erarbeitet?
- Wie war dein Karteikartensystem aufgebaut?
- Wie hast du Wissensaufbau und Klausurtechnik zeitlich balanciert?
- Was war dein größter handwerklicher Fehler – und wie hast du ihn abgestellt?
- Gab es einen Moment, in dem du das Gefühl hattest: Jetzt habe ich es verstanden?
- Wie sah ein typischer Lerntag bei dir aus?
- Welche psychologische Technik hat dir geholfen, wenn der Druck zu groß wurde?
- Was würdest du beim Prüfungsrechtsverfahren heute früher tun?
- Abschlussfrage: Was würdest du dir selbst vor fünf Jahren sagen?
- Zusatzfrage: Wie erlebst du die Resonanz seit dem Examen?
Schule & Studienwahl
Wie warst Du in der Schule und wieso hast Du Dich für Jura entschieden?
Ich war schon in der Schule schon immer ein sehr guter Schüler. Mein Abitur habe ich mit der Note 0,8 abgeschlossen. Während meiner Schulzeit nahm ich am sogenannten BEGYS-Programm („Begabtenförderung am Gymnasium mit Verkürzung der Schulzeit“) teil. Dadurch konnte ich ein Schuljahr überspringen und war auch in der neuen Klasse Klassenbester. Diese Zeit hat mich geprägt, weil ich früh gelernt habe, mich schnell auf neue Situationen einzustellen und eigenständig zu arbeiten.
Meine Leistungskurse waren Geschichte, Deutsch und Englisch. Besonders Geschichte hat mich begeistert, weil ich dort gelernt habe, komplexe Entwicklungen nicht isoliert zu betrachten, sondern Zusammenhänge zu erkennen und systematisch zu analysieren. Rückblickend glaube ich, dass mir genau diese Denkweise später im Jurastudium sehr geholfen hat. Für meine Facharbeit im Fach Geschichte, die ich mit der Bestnote von 15 Punkten abschloss, beschäftigte ich mich mit Walter Hotz, einem Pfadfinder aus meiner Geburtsstadt Worms. Das Thema lag mir besonders am Herzen, weil ich selbst viele Jahre lang mit großer Begeisterung als Pfadfinder aktiv war und mich dort ehrenamtlich engagierte. Erst in der heißen Phase der Abiturvorbereitung musste ich dieses zeitintensive Hobby schweren Herzens zurückstellen. Aufgrund der herausragenden Leistung in meiner Facharbeit schlug mich meine Geschichtslehrerin schließlich für ein Stipendium der Studienstiftung des Deutschen Volkes vor. Das Auswahlverfahren konnte ich erfolgreich durchlaufen und wurde als Stipendiat aufgenommen.
Neben den schulischen Leistungen war mir aber immer auch das Miteinander - auch an der Schule - wichtig. Ich habe Patenschaften für die fünften und sechsten Klassen übernommen und mich über mehrere Jahre diesbezüglich sozial engagiert. Dafür wurde ich auch mit dem Preis des Vereins der Freunde und Förderer des Eleonoren-Gymnasiums Worms für besondere Leistungen im sozialen Bereich ausgezeichnet.
Zu meinem Abitur durfte ich außerdem mehrere Ehrungen entgegennehmen: Für das beste Abitur des Jahrgangs 2018, für die beste Abiturleistung in den modernen Fremdsprachen Englisch und Italienisch sowie den Geschichtspreis des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz. Natürlich habe ich mich darüber sehr gefreut. Noch wichtiger als die Auszeichnungen selbst war für mich aber die Erkenntnis, dass sich kontinuierliche Arbeit und echtes Interesse an einem Fach bzw. generelle Lernbegeisterung langfristig auszahlen.
Interessanterweise wollte ich als Kind zunächst Arzt werden. Auch meine Lehrer hatten ganz unterschiedliche Vorstellungen davon, wohin mein Weg einmal führen könnte - vom Geschichtsprofessor über den Staatsanwalt bis hin zum Rechtsanwalt. Dass es schließlich Jura geworden ist, war deshalb keine von Anfang an feststehende Entscheidung, sondern entwickelte sich nach und nach.
Ausschlaggebend war letztlich die Erkenntnis, dass Jura viel weniger mit bloßem Auswendiglernen zu tun hat, als viele vermuten. Mich hat fasziniert, dass hinter nahezu jeder Norm ein System und eine Wertung stehen. Jura beschäftigt sich letztlich mit Interessenausgleich, zwischen verschiedenen Interessengruppen. Genau dieses systematische Denken hat mich schon in der Schule gereizt. Im Studium wurde mir dann immer klarer, dass Jura letztlich ein großes logisches Gesamtsystem ist, das man verstehen muss. Wer nur Einzelwissen auswendig lernt, stößt irgendwann an Grenzen. Wer dagegen die Strukturen versteht, kann auch unbekannte Fälle sauber lösen - und genau das hat mich an diesem Studium stets begeistert. Rückblickend war die Entscheidung für Jura genau richtig. Das Studium hat mir gezeigt, dass Erfolg nicht darin besteht, möglichst viel auswendig zu lernen, sondern komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Genau diese Erkenntnis hat später auch meine gesamte Examensvorbereitung geprägt.
Studienbeginn
Wie waren die ersten Semester, wie liefen die ersten Klausuren und welche Noten hast Du erzielt?
Die ersten Semester verliefen insgesamt schon recht erfolgreich. Bereits meine allererste juristische Klausur wurde mit 16 Punkten bewertet. In der zweiten Klausur erreichte ich dann aber neun Punkte. Diese zweite Klausur hat mir dann gezeigt, dass juristisches Verständnis allein nicht genügt. Ich hatte schon damals großen Wert auf die juristischen Auslegungsmethoden gelegt und versucht, das Recht als logisches System zu verstehen. Definitionen auswendig lernen zu müssen, hat mich damals aber ehrlich gesagt eher noch genervt. Das hat sich erst später geändert. Insoweit wurde mir bewusst, dass Definitionen und andere Grundlagen trotzdem sicher beherrscht werden müssen. Gerade dieses Zusammenspiel aus Systemverständnis und sicherem Grundlagenwissen ist für sehr gute Klausuren entscheidend.
Gelernt habe ich damals überwiegend mit Lehrbüchern und teilweise bereits mit Skripten von Alpmann-Schmidt. Mein Karteikartensystem mit rund 4.000 digitalen Karteikarten entstand erst während der eigentlichen Examensvorbereitung. In den ersten Semestern stand für mich vielmehr das Verständnis der juristischen Strukturen im Vordergrund.
Eine besondere Herausforderung war, dass ich das Jurastudium parallel zu einem dualen Bachelorstudium der Betriebswirtschaftslehre bei der Deutschen Bank absolvierte. Bis zur Examensvorbereitung lag mein Schwerpunkt zeitweise sogar stärker auf dem BWL-Studium, das ich später ebenfalls mit der Gesamtnote „Sehr gut“ abschloss. Gleichzeitig arbeitete ich regelmäßig bei der Deutschen Bank. Das erforderte eine sehr gute Organisation und konsequentes Zeitmanagement.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Prüfungsphase, in der sich die Klausuren beider Studiengänge nahezu vollständig überschnitten. An einem Freitag schrieb ich morgens eine BWL-Klausur und abends noch eine Jura-Klausur. Nach der zweiten Prüfung war ich körperlich und mental völlig erschöpft. Ich legte mich danach Zuhause direkt ins Bett und schlief rund zwölf Stunden am Stück. Solche Phasen waren extrem fordernd, haben mich aber auch gelehrt, Prioritäten zu setzen und meine Zeit möglichst effizient zu nutzen.
Rückblickend glaube ich, dass gerade diese Kombination aus zwei Studiengängen, Berufstätigkeit und den unterschiedlichen Anforderungen beider Fächer meine Arbeitsweise nachhaltig geprägt hat. Die eigentliche Professionalisierung meiner juristischen Lernstrategie begann dann mit der Examensvorbereitung. Erst dort entwickelte ich mein Wiederholungssystem mit rund 4.000 digitalen Karteikarten und einer sehr intensiven Klausurpraxis, was später die Grundlage für meine Examensergebnisse bildete. Ich habe aber auch schon zu Beginn des vierten Semester zeitweise probehalber ein paar Examensklausuren ausgeschrieben. Diese wurden damals - da mir noch einiges an Rechtskenntnissen fehlte - nicht durchweg besonders gut bewertet, aber auch damals habe ich immerhin schon stets zumindest die Klausur bestanden.
Lernmethoden
Welche Lernmethoden hast Du ausprobiert, und welche davon waren gut oder schlecht?
Ich habe im Laufe des Studiums wahrscheinlich fast jede klassische Lernmethode ausprobiert. Rückblickend würde ich aber sagen, dass es nicht die eine perfekte Methode gibt. Viel wichtiger ist, dass man die jeweilige Methode für den richtigen Zweck einsetzt. Ein Lehrbuch erfüllt beispielsweise einen ganz anderen Zweck als eine Lerngruppe oder das Schreiben einer Klausur. Entscheidend ist aus meiner Sicht das Zusammenspiel der verschiedenen Lernmethoden.
Am Anfang des Studiums habe ich vor allem mit Lehrbüchern und teilweise bereits mit Skripten von Alpmann-Schmidt und Hemmer gelernt. Lehrbücher haben mir geholfen, ein Rechtsgebiet in seiner gesamten Systematik zu verstehen. Skripte fand ich dagegen besonders hilfreich, um den examensrelevanten Stoff kompakt zu wiederholen. Rückblickend würde ich mich sogar stärker auf die Skripte konzentrieren und weniger Zeit in umfangreiche Lehrbücher investieren. In den Skripten findet sich nahezu alles, was für das Examen wirklich relevant ist. Außerdem habe ich regelmäßig Vorlesungen angehört und in der Examensvorbereitung Repetitoriums-Veranstaltungen besucht. Sie haben den Stoff gut strukturiert aufbereitet und mir geholfen, den Überblick über die examensrelevanten Themen zu behalten.
Daneben habe ich mich regelmäßig mit anderen aus dem Repetitorium in Lerngruppen ausgetauscht. Ich halte Lerngruppen für sehr wertvoll, wenn sie diszipliniert arbeiten und nicht zu einer reinen Gesprächsrunde werden. Gerade das gemeinsame Diskutieren von Fällen oder das gegenseitige Erklären juristischer Probleme deckt häufig Verständnislücken auf, die einem beim Lernen allein gar nicht auffallen würden.
Ein weiteres Lernmedium möchte ich besonders hervorheben: Frei verfügbare Jura-Podcasts, insbesondere diejenigen von Prof. Dr. Stefan Lorenz von der Ludwig-Maximilians-Universität München. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich ohne Letztere überhaupt beim Jurastudium geblieben wäre. Er hat es wie kaum ein anderer geschafft, nicht nur den Stoff zu vermitteln, sondern Begeisterung für die Juristerei zu wecken. Durch seine Art zu erklären habe ich erstmals wirklich verstanden, dass Jura kein Sammelsurium aus Definitionen und Schemata ist, sondern ein logisch aufgebautes System. Seine Podcasts haben mich über viele Jahre begleitet. Ich habe sie beim Sport, in der Bahn, beim Einkaufen oder immer dann gehört, wenn ich gerade keine Lehrbücher oder Skripte in der Hand haben konnte. Dadurch wurden selbst vermeintlich unproduktive Zeiten zu Lernzeit.
Die wohl größte Veränderung kam dann in der eigentlichen Examensvorbereitung. Erst in dieser Phase entwickelte ich mein System mit rund 4.000 digitalen Karteikarten. Viele verbinden Karteikarten mit stumpfem Auswendiglernen. Für mich waren sie aber vor allem ein Wiederholungssystem. Sie dienten dazu, Definitionen, Schemata, Streitstände und examensrelevante Einzelheiten dauerhaft im Gedächtnis zu verankern. Das eigentliche Verständnis musste vorher bereits vorhanden sein. Karteikarten können Verständnis nicht ersetzen - sie können es aber hervorragend absichern.
Rückblickend glaube ich außerdem, dass mir gerade die Vielfalt der Lernmedien sehr geholfen hat. Ich habe versucht, denselben Stoff über möglichst unterschiedliche Zugänge aufzunehmen. Lehrbücher und Skripte habe ich klassisch in Papierform gelesen und darin gearbeitet. Das haptische Arbeiten mit gedruckten Unterlagen war für mich ein weiterer Baustein meines Lernprozesses. Vorlesungen, Repetitoriums-Veranstaltungen und Jura-Podcasts habe ich angehört. Klausuren und Klausurskizzen habe ich in der Vorbereitung des 1. Juristischen Staatsexamens mit der Hand geschrieben, während ich meine digitalen Karteikarten überwiegend auf dem Handy/Tablet bearbeitet habe. Dadurch wurden unterschiedliche Sinne angesprochen und derselbe Stoff immer wieder auf verschiedene Weise verarbeitet. Das machte das Lernen nicht nur abwechslungsreicher, sondern half mir auch dabei, Inhalte langfristig zu verankern.
Mindestens genauso wichtig wie das Lernen selbst war für mich die Klausurpraxis. Ich habe über 110 Examensklausuren vollständig ausgeschrieben und zusätzlich mehrere hundert Klausuren zumindest skizziert. Rückblickend halte ich gerade diese Kombination für besonders wertvoll. Das Ausschreiben trainiert Zeitmanagement, Formulierungsfähigkeit und Gutachtenstil. Klausurskizzen ermöglichen es dagegen, in relativ kurzer Zeit eine Vielzahl unterschiedlicher Fallkonstellationen und Probleme kennenzulernen und den Blick für das Wesentliche zu schärfen.
Wenn ich heute eine einzige Erkenntnis aus meiner Examensvorbereitung mitnehmen müsste, wäre es deshalb diese: Man sollte nicht nach der einen perfekten Lernmethode suchen. Entscheidend ist vielmehr, dass alle Lernmethoden sinnvoll zusammenspielen. Lehrbücher schaffen Verständnis, Skripte und Repetitorien strukturieren den Stoff, Lerngruppen fördern den fachlichen Austausch, Podcasts wecken Begeisterung, Karteikarten sichern das Langzeitgedächtnis und Klausuren zeigen schließlich, ob man das Gelernte auch unter Examensbedingungen anwenden kann. Genau dieses Zusammenspiel war für mich letztlich der Schlüssel zum Erfolg.
Du beschreibst Jura als „System", das man verstehen statt nur auswendig lernen muss. Kannst Du an einem konkreten Rechtsgebiet zeigen, wie Du Dir die großen Strukturen erarbeitet hast?
Mit der Aussage, Jura sei ein „System“, meine ich vor allem, dass sich viele Klausuren lösen lassen, wenn man die dahinterstehenden Strukturen verstanden hat. Natürlich gibt es Definitionen und Schemata, die man beherrschen muss. Der eigentliche Schlüssel liegt für mich aber darin, zu erkennen, wie die einzelnen Normen miteinander zusammenhängen.
Ein gutes Beispiel ist für mich das öffentliche Baurecht. In meinem ersten Staatsexamen musste ich in einer öffentlich-rechtlichen Klausur das Vorgehen im Eilrechtsschutz gegen eine Bauordnungsverfügung prüfen. Viele hätten wahrscheinlich versucht, möglichst viele Definitionen auswendig zu lernen. Ich bin anders herangegangen.
Nachdem ich die Zulässigkeit geprüft hatte, musste ich in der Begründetheit zunächst die richtige Ermächtigungsgrundlage finden. Anschließend folgten - wie bei vielen Eingriffsnormen - die formelle Rechtmäßigkeit mit Zuständigkeit, Verfahren und Form sowie danach die materielle Rechtmäßigkeit.
Spätestens ab diesem Punkt half mir gar nicht mehr das Auswendiglernen, sondern das Verständnis der Systematik. Im Tatbestand der Ermächtigungsgrundlage musste zunächst geprüft werden, ob überhaupt eine bauliche Anlage vorliegt. Danach war zwischen formeller und materieller Baurechtswidrigkeit zu unterscheiden. Bei der materiellen Baurechtswidrigkeit gelangt man schließlich zum Bauplanungsrecht. Dort stellt sich zunächst die Frage, ob die §§ 29 ff. BauGB überhaupt anwendbar sind. Ist das der Fall, führt das Gesetz den Bearbeiter nahezu automatisch weiter: Liegt ein qualifizierter Bebauungsplan vor, ist § 30 Abs. 1 BauGB einschlägig, bei einem einfachen Bebauungsplan § 30 Abs. 3 BauGB. Fehlt ein Bebauungsplan, gelangt man - je nach Lage des Grundstücks - entweder zu § 34 BauGB oder zu § 35 BauGB.
Aber auch dort endet die Systematik nicht. Innerhalb des § 34 BauGB ist zunächst etwa zu prüfen, ob überhaupt ein im Zusammenhang bebauter Ortsteil vorliegt. Anschließend verweist die Norm für die Art der baulichen Nutzung in vielen Fällen wieder auf die Baunutzungsverordnung und teilweise auf § 31 BauGB. Im Außenbereich setzt sich diese Struktur ebenfalls fort: § 35 Abs. 1 BauGB regelt privilegierte Vorhaben, § 35 Abs. 2 nicht privilegierte Vorhaben, § 35 Abs. 3 die Beeinträchtigung öffentlicher Belange und § 35 Abs. 4 bestimmte teilprivilegierte Vorhaben. Hat man diese innere Struktur einmal verstanden, kann man sich auch in unbekannten Fällen sehr gut orientieren.
Genau das hat mich an Jura immer fasziniert. Das Gesetz gibt einem häufig bereits den Weg durch die Klausur vor. Man muss lernen, diese Wegweiser zu erkennen. Deshalb habe ich versucht, mir nicht einzelne Lösungen einzuprägen, sondern die Architektur eines Rechtsgebiets zu verstehen. Wenn diese einmal sitzt, lassen sich auch unbekannte Fälle systematisch bearbeiten.
Ich glaube, dass genau dieses Denken einer der entscheidenden Gründe für meinen Erfolg im Examen war. Natürlich muss man Definitionen, Schemata und Standardprobleme beherrschen. Ohne dieses Fundament geht es nicht. Der eigentliche Unterschied zwischen einem guten und einem sehr guten Examen besteht meines Erachtens aber darin, ob man das Recht als Ansammlung einzelner Vorschriften betrachtet oder als ein zusammenhängendes System, dessen innere Logik man versteht.
Du hast über die gesamte Examensvorbereitung rund 4.000 digitale Karteikarten geführt und monatlich komplett wiederholt. Wie war dieses System aufgebaut – nach Rechtsgebieten, nach Problemfeldern, nach Klausurtypen?
Mein Karteikartensystem entstand erst in der eigentlichen Examensvorbereitung. Vorher im Jurastudium habe ich nicht mit solchen Karteikarten gelernt und zunächst versucht, die Strukturen der einzelnen Rechtsgebiete zu verstehen. Als dieses Fundament gelegt war, ging es darum, das Wissen dauerhaft verfügbar zu machen. Genau dafür habe ich die Karteikarten genutzt.
Insgesamt habe ich rund 4.000 digitale Karteikarten erstellt. Das Besondere war allerdings weniger die Anzahl als das Wiederholungssystem dahinter. Ich habe sämtliche Karteikarten ungefähr einmal pro Monat vollständig durchgearbeitet. Das war sicherlich sehr zeitaufwendig, hatte für mich aber den großen Vorteil, dass ich den gesamten examensrelevanten Stoff regelmäßig präsent hielt und nie das Gefühl hatte, einzelne Rechtsgebiete aus den Augen zu verlieren.
Die Karteikarten waren überwiegend nach Rechtsgebieten gegliedert. Es gab beispielsweise eigene Stapel zum Bereicherungsrecht, zum Arbeitsrecht oder zum öffentlichen Baurecht. Größere Rechtsgebiete habe ich teilweise nochmals unterteilt, etwa in „Öffentliches Baurecht I“ und „Öffentliches Baurecht II“ oder „Arbeitsrecht I“ und „Arbeitsrecht II“. Dadurch konnte ich gezielt einzelne Rechtsgebiete wiederholen und gleichzeitig den Überblick über den gesamten Stoff behalten.
Daneben hatte ich noch eine gesonderte Kategorie ausschließlich für Definitionen. Diese war bewusst nicht nach einzelnen Rechtsgebieten, sondern lediglich nach den drei großen Säulen des Jurastudiums gegliedert: Zivilrecht, Öffentliches Recht und Strafrecht. So konnte ich Definitionen unabhängig vom jeweiligen Fachgebiet systematisch wiederholen. Das war für mich sinnvoll, weil Definitionen häufig rechtsgebietsübergreifend abgefragt werden und eine andere Art des Lernens erfordern als das Verständnis ganzer Rechtsgebiete.
Mir war wichtig, dass ich den gesamten examensrelevanten Stoff in regelmäßigen Abständen vollständig wiederhole, bei mir war das insgesamt ca. einmal im Monat. Dieses Konzept gab mir die Sicherheit, jederzeit auf das gesamte Wissen zugreifen zu können und nicht nur auf ganz bestimmte Inhalte.
Wichtig war mir dabei immer, dass die Karteikarten nicht das eigentliche Lernen ersetzen sollten. Sie waren kein Werkzeug, um juristische Zusammenhänge erstmals zu verstehen. Dieses Verständnis musste bereits vorher vorhanden sein. Die Karteikarten dienten vielmehr dazu, Definitionen, Schemata, Streitstände und examensrelevante Details dauerhaft abrufbar zu halten. Gerade diese Kombination aus vorherigem Systemverständnis und regelmäßiger Wiederholung war für mich ein entscheidender Erfolgsfaktor.
110 ausgeschriebene Klausuren plus hunderte Skizzen sind eine enorme Zahl. Wie hast Du Wissen und Klausurtechnik zeitlich balanciert, gerade in der Anfangsphase, als beides noch nicht zusammen passte?
Am Anfang war es tatsächlich gar nicht so einfach, Wissen und Klausurtechnik miteinander zu verbinden. Ich habe bereits im vierten Semester begonnen, erste Examensklausuren auszuschreiben, obwohl mir damals in vielen Rechtsgebieten noch das notwendige Wissen fehlte. Mir war aber wichtig, möglichst früh ein Gefühl für den Aufbau und die Anforderungen einer Examensklausur zu bekommen.
In den ersten Klausuren habe ich deshalb vereinzelt noch mit zusätzlichen Hilfsmitteln gearbeitet, insbesondere mit Examensskripten, die im Staatsexamen natürlich nicht zugelassen sind. Für mich stand damals zunächst der Lerneffekt im Vordergrund. Ich wollte verstehen, wie eine gute Examensklausur aufgebaut ist und wie man unbekannte Probleme systematisch bearbeitet. Schon nach wenigen Klausuren habe ich diese Hilfen jedoch konsequent zurückgefahren und sämtliche Übungsklausuren ausschließlich unter echten Examensbedingungen geschrieben - also nur mit den zugelassenen Hilfsmitteln und innerhalb der vorgegebenen Bearbeitungszeit.
Mit Beginn der eigentlichen Examensvorbereitung und des Repetitoriums wurde das dann zu einer festen Routine. Von diesem Zeitpunkt an habe ich nahezu jede von der Uni angebotene Examensklausur vollständig ausgeschrieben. In der Regel waren das zwei Klausuren pro Woche. Mir war wichtig, möglichst viele unterschiedliche Fallkonstellationen kennenzulernen und gleichzeitig ein realistisches Gefühl für Zeitmanagement, Schwerpunktsetzung und Klausurtaktik zu entwickeln.
Mindestens genauso wichtig wie die ausgeschriebenen Klausuren waren für mich aber die Lösungsskizzen. Bereits während der Examensvorbereitung habe ich zahlreiche Klausuren in Lerngruppen anhand von selbst erstellten Lösungsskizzen besprochen. Daneben habe ich auch eigenständig immer wieder Klausuren lediglich skizziert. Gerade diese Methode halte ich für enorm effizient, weil man in deutlich kürzerer Zeit wesentlich mehr unterschiedliche Klausurkonstellationen bearbeiten kann als durch das vollständige Ausschreiben.
Insbesondere im letzten halben Jahr vor dem Examen gewann diese Methode für mich immer mehr an Bedeutung. In den letzten etwa sechs Wochen vor meinen Examensklausuren habe ich schließlich den Schwerpunkt nahezu vollständig auf Lösungsskizzen verlagert. Mir war bewusst, dass neu geschriebene Klausuren aufgrund der Korrekturzeiten ohnehin kaum noch rechtzeitig vor dem Examen zurückkommen würden. Deshalb wollte ich diese Zeit möglichst effektiv nutzen. Teilweise habe ich in dieser Phase bis zu vier vollständige Examensklausuren pro Tag skizziert. Auf diese Weise konnte ich innerhalb kurzer Zeit eine enorme Anzahl unterschiedlicher Klausurkonstellationen kennenlernen und gedanklich vollständig durchlösen. Am Ende hatte ich den überwiegenden Teil des Uni-Klausurenpools ausgeschöpft und nahezu jede examensrelevante Konstellation zumindest einmal in Form einer Lösungsskizze bearbeitet.
Trotzdem habe ich versucht, den Schwerpunkt meiner Zeit nicht allein auf das Klausurenschreiben zu legen. Die eigentliche Lernarbeit begann für mich häufig erst danach - bei der ausführlichen Nachbereitung der Klausuren. Selbst an Klausurtagen habe ich außerdem zumindest noch meine Karteikarten wiederholt, um den übrigen Stoff kontinuierlich präsent zu halten.
Rückblickend glaube ich, dass genau diese schrittweise Herangehensweise wichtig war. Man kann keine Examensklausuren auf Spitzenniveau schreiben, wenn einem noch wesentliche Rechtskenntnisse fehlen. Umgekehrt hilft das größte Wissen wenig, wenn man nie gelernt hat, es unter Zeitdruck in einer Klausur anzuwenden. Deshalb habe ich versucht, beides parallel zu entwickeln: Anfangs mit stärkerem Fokus auf den Wissensaufbau, später mit immer größerem Schwerpunkt auf der Klausurtechnik. Gegen Ende der Vorbereitung trat dann noch ein dritter Baustein hinzu: Durch die Vielzahl an Lösungsskizzen wollte ich möglichst jede denkbare examensrelevante Konstellation zumindest einmal gesehen und gedanklich gelöst haben. Erst das Zusammenspiel aus Wissensaufbau, ausgeschriebenen Klausuren und Lösungsskizzen hat aus meiner Sicht den entscheidenden Unterschied gemacht.
Im Rechtsreferendariat habe ich diese Strategie nochmals weiterentwickelt. Wegen der zusätzlichen Belastung durch die Stationsarbeit stand deutlich weniger Lernzeit zur Verfügung als im ersten Examen. Deshalb habe ich wesentlich häufiger auf Lösungsskizzen gesetzt und deutlich weniger Klausuren vollständig ausgeschrieben. So konnte ich trotz des geringeren Zeitbudgets eine sehr große Zahl unterschiedlicher Klausurkonstellationen trainieren. Dass ich auch das Zweite Staatsexamen mit der Note „sehr gut“ abschließen konnte, hat mich in dieser Herangehensweise im Nachhinein zusätzlich bestärkt.
Fehler & Durchbruch
Du sagst, anfangs liefen nicht alle Klausuren gut. Was war der größte handwerkliche Fehler, den Du Dir abgewöhnen musstest – und wie hast Du das konkret geändert?
Wenn ich ehrlich bin, lag das Hauptproblem am Anfang gar nicht in handwerklichen Fehlern. Ich habe bereits im vierten Semester begonnen, Examensklausuren zu schreiben - also zu einem Zeitpunkt, an dem ich einen großen Teil des examensrelevanten Stoffes noch gar nicht gelernt hatte. Dass die allerersten Probe-Examensklausuren deshalb häufig im Bereich von vier bis sieben Punkten lagen, hat mich rückblickend überhaupt nicht überrascht. Genau dafür waren diese Klausuren schließlich gedacht: Um frühzeitig Erfahrung zu sammeln und den eigenen Lernstand realistisch einschätzen zu können.
Natürlich gab es auch kleinere handwerkliche Punkte, an denen ich arbeiten musste. Gelegentlich wurde beispielsweise die fehlende Beachtung des Gutachtenstils kritisiert oder, dass ich an der einen oder anderen Stelle Schwerpunkte noch besser setzen hätte können. Das waren aber aus meiner Sicht keine grundlegenden Probleme. Der entscheidende Unterschied bestand vielmehr darin, dass mein materielles Wissen mit der Zeit immer vollständiger wurde und ich dieses Wissen gleichzeitig durch die vielen Klausuren immer besser unter Examensbedingungen anwenden konnte.
Gerade deshalb habe ich mich von den anfänglich eher durchschnittlichen Ergebnissen in den Probe-Examensklausuren nie entmutigen lassen. Mir war bewusst, dass diese Klausuren in erster Linie ein Trainingsinstrument waren. Mit jeder Woche, in der mein Wissen wuchs und meine Klausurpraxis zunahm, verbesserten sich auch die Ergebnisse. Als die eigentliche Examensvorbereitung und das Repetitorium begannen, war dieser Fortschritt deutlich spürbar. Ab diesem Zeitpunkt hatte ich schon nahezu immer deutlich überdurchschnittliche Ergebnisse in den Übungsklausuren.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis, die ich anderen in der Examensvorbereitung mitgeben würde: Schlechte oder durchschnittliche Probe-Examensklausuren zu Beginn der Vorbereitung sagen nur sehr wenig über das spätere Examen aus. Entscheidend ist nicht, wo man startet, sondern ob man aus jeder Klausur etwas mitnimmt und sich kontinuierlich weiterentwickelt.
Gab es einen Moment in der Examensvorbereitung, an dem Du das Gefühl hattest, „jetzt habe ich verstanden, wie das System funktioniert"? Was hat diesen Wechsel ausgelöst?
Den „einen" einzigen „Aha-Moment“ gab es bei mir tatsächlich nicht. Es war vielmehr ein schleichender Prozess, der sich über die gesamte Examensvorbereitung hinweg entwickelt hat. Mit jeder Klausur, jeder Wiederholung und jedem neu verstandenen Rechtsgebiet wurde das Gesamtbild ein Stück vollständiger.
Eine wichtige Rolle spielten dabei sicherlich auch die Jura-Podcasts von Prof. Dr. Stefan Lorenz, die ich seit Beginn meines Studiums regelmäßig gehört habe. Er beschreibt dort immer wieder das Ziel, irgendwann das Gefühl zu entwickeln, dass man jeden unbekannten Fall lösen kann. Dieses Ziel hat mich während der gesamten Examensvorbereitung begleitet.
Und tatsächlich hatte ich dieses Gefühl irgendwann selbst – allerdings erst relativ kurz vor dem Examen. Es war kein plötzlicher Geistesblitz, sondern vielmehr die Erkenntnis, dass sich die unzähligen Einzelbausteine allmählich zu einem großen Ganzen zusammengefügt hatten. Ich hatte inzwischen so viele Klausuren geschrieben, so viele Lösungsskizzen erstellt und so viele unterschiedliche Fallkonstellationen gesehen, dass ich mir irgendwann dachte: Egal, was im Examen drankommt - ich werde einen Weg finden, den Fall sauber zu lösen!
Das bedeutete natürlich nicht, dass ich jede Rechtsfrage auswendig wusste oder jeden Fall schon einmal gesehen hatte. Dieses Gefühl beruhte vielmehr auf dem Vertrauen in die eigene Methodik. Ich wusste, wie ich an juristische Probleme – auch unbekannte Probleme - herangehen musste, wie ich mir den Lösungsweg aus dem Gesetz heraus erschließen konnte und wie ich auch unter Zeitdruck strukturiert arbeiten konnte.
Rückblickend war das wahrscheinlich der wichtigste Entwicklungsschritt meiner gesamten Examensvorbereitung. Nicht das Gefühl, alles zu wissen, sondern das Vertrauen darauf, auch unbekannte Konstellationen methodisch beherrschen zu können. Genau das meine ich, wenn ich sage, dass Jura für mich ein System ist.
Alltag & Ausgleich
Hund, Gitarre, Sport, Gebet – Du nennst feste Routinen in Deiner Vorbereitung. Wie sah ein typischer Lerntag bei Dir konkret aus, mit ungefähren Uhrzeiten?
Einen vollkommen festen Tagesablauf hatte ich während der Examensvorbereitung nicht. Dafür waren die einzelnen Tage zu unterschiedlich. Je nachdem, ob morgens oder später Repetitorium stattfand, wann ich am Vorabend mit meinem Lernpensum fertig geworden war oder welches sportliche Training genau auf dem Plan stand, bin ich mal früher und mal später aufgestanden. Mir war deshalb weniger eine feste Uhrzeit wichtig als vielmehr, dass bestimmte Routinen jeden Tag ihren Platz hatten.
Dazu gehörten zunächst die drei Mahlzeiten sowie die Spaziergänge mit meinem Hund. Mit meinem Hund war ich grundsätzlich dreimal täglich unterwegs - morgens, mittags und abends. Gerade diese Spaziergänge waren für mich ein wichtiger Ausgleich. Gleichzeitig habe ich versucht, möglichst viele alltägliche Situationen sinnvoll zu nutzen. Beim Spazierengehen, im Fitnessstudio zwischen den Trainingssätzen, beim Einkaufen oder während des Essens hörte ich häufig Jura-Podcasts, wiederholte Karteikarten oder ließ mir auf dem Tablet Ausbildungszeitschriften vorlesen. Dadurch wurden viele Zeiten, die sonst ungenutzt geblieben wären, zu kleinen zusätzlichen Lerneinheiten.
Auch meine Ernährung musste sich häufig dem Lernalltag anpassen, aber immer so, dass sie gesund war. Wenn wenig Zeit war, bestand das Frühstück oder Mittagessen auch einmal nur aus einem Eiweißshake oder einem Eiweißriegel. Hatte ich mehr Zeit, bereitete ich mir dagegen gerne Rührei mit Schafskäse und Gemüse zu. Die Hauptmahlzeit war für mich in der Regel das Abendessen, weil ich danach meist nicht mehr lernte, sondern den Tag langsam ausklingen ließ.
Sport war für mich während der gesamten Examensvorbereitung ein wichtiger Ausgleich. Wenn tagsüber keine festen Termine anstanden, trainierte ich möglichst morgens im Fitnessstudio, weil es dort dann deutlich ruhiger war. An Tagen mit Repetitorium oder anderen Verpflichtungen verlegte ich das Training häufig auf den Abend. Auch das Gitarre-Spielen war für mich eine Möglichkeit, zwischendurch abzuschalten. Zusätzlich hatte ich einmal pro Woche festen Gitarrenunterricht.
Die eigentliche Lernzeit lag - soweit ich sie überhaupt erfasst habe - meist zwischen acht und zehn Stunden pro Werktag. Irgendwann habe ich allerdings aufgehört, jede Minute zu dokumentieren. Mir war wichtiger, mein Tagesziel zu erreichen, als eine bestimmte Stundenzahl zu erfüllen. Hinzu kamen ohnehin zahlreiche kleinere Lerneinheiten im Alltag, die sich kaum sinnvoll erfassen ließen und die in den besagten acht bis 10 Stunden gar nicht inkludiert waren. An den Wochenenden standen meist die fünfstündigen Übungsklausuren im Mittelpunkt, ergänzt durch meine tägliche Wiederholung der Karteikarten und gegebenenfalls weiteres Lernen.
Bewusst komplett freie Tage habe ich mir nur selten genommen. Meine Karteikarten gehörten praktisch jeden Tag dazu - selbst an meinem Geburtstag. An besonderen Tagen blieb es dann aber häufig auch dabei. Mir war wichtig, kontinuierlich am Ball zu bleiben, ohne mich von einem starren Wochenplan unter Druck setzen zu lassen.
Eine feste Konstante gab es allerdings jeden einzelnen Tag: Mein Abendgebet. Unmittelbar vor dem Einschlafen bete ich bis heute. Dabei lasse ich den vergangenen Tag noch einmal Revue passieren, danke Gott für das Erlebte und bitte ihn um seinen Segen für alles, was vor mir liegt. Gerade in der Examensvorbereitung und insbesondere vor den Examensklausuren hat mir dieses Ritual und das Gottvertrauen Ruhe, Zuversicht und innere Gelassenheit gegeben. Rückblickend war das für mich ein ebenso fester Bestandteil meiner Vorbereitung wie das eigentliche Lernen.
Rückblickend glaube ich zudem, dass gerade diese festen Routinen entscheidend dazu beigetragen haben, die lange und intensive Examensvorbereitung im engeren Sinne über – beim 1. Staatsexamen – ca. anderthalb Jahre hinweg durchzuhalten. Sie haben meinem Alltag Struktur gegeben, mir geholfen, körperlich und mental im Gleichgewicht zu bleiben und auch in besonders stressigen Phasen die notwendige Ruhe zu bewahren.

Dein Bruder hat Dir aus der Psychologie Tipps gegeben. Welche konkrete Technik hat Dir am meisten geholfen, wenn der Druck kurzfristig zu groß wurde?
Am meisten geholfen hat mir ein bestimmter psychologischer Ansatz meines Bruders Franz Josef, der klinische Psychologie studiert: Er hat mir die Möglichkeit gezeigt, durch sogenanntes Reframing belastende Gedanken bewusst umzudeuten und meine Aufmerksamkeitslenkung konsequent auf den nächsten konkreten Arbeitsschritt zu richten. Dadurch entstand ein klarer Prozessfokus: Statt mich von der Bedeutung der Prüfung oder möglichen Konsequenzen unter Druck setzen zu lassen, habe ich mich immer zunächst nur auf die unmittelbar nächste Aufgabe konzentriert. Gerade in akuten Stresssituationen hat mir das geholfen, ruhig zu bleiben und meine Leistung zuverlässig abzurufen.
Prüfungsrecht
Für Leser:innen, die selbst über einen Widerspruch nachdenken: Was würdest Du im Nachhinein früher tun, wenn Du das Verfahren noch einmal durchlaufen müsstest?
Wenn ich ehrlich bin, würde ich mein eigenes Vorgehen im Nachhinein kaum anders gestalten. Ich habe unmittelbar nach Bekanntgabe der Ergebnisse Klausureinsicht beantragt, die Bewertung sorgfältig überprüft und mich anschließend frühzeitig an eine auf Prüfungsrecht spezialisierte Rechtsanwaltskanzlei gewandt. Mehr hätte ich zeitlich eigentlich nicht tun können.
Meine wichtigste Erkenntnis aus dem Verfahren betrifft deshalb weniger mein eigenes Vorgehen als vielmehr den allgemeinen Umgang mit Prüfungsbewertungen. Ich würde jedem Examenskandidaten empfehlen, grundsätzlich Klausureinsicht zu nehmen. Ich kenne inzwischen mehrere Personen, die darauf verzichtet haben. Das halte ich für einen Fehler.
Prüfer leisten eine enorme Arbeit und korrigieren innerhalb kurzer Zeit eine Vielzahl anspruchsvoller Klausuren bei vergleichsweise schlechter Bezahlung. Dabei können - wie überall - Fehler passieren. Das müssen nicht einmal schwierige juristische Bewertungsfragen sein. Es kann vorkommen, dass einzelne Passagen übersehen, Antworten missverstanden oder Punkte schlicht falsch zusammengezählt werden, wobei Letzteres speziell im Fall des Jurastudiums eher seltener ein Problem darstellt. Mehrere solcher Erfahrungen habe ich auch während meines BWL-Studiums gemacht.
Das bedeutet allerdings nicht, dass man gegen jede Note Widerspruch einlegen sollte. Die meisten Bewertungen werden wohl schon zumindest beurteilungsfehlerfrei und damit rechtlich nicht angreifbar bzw. vertretbar und vom Beurteilungsspielraum der Prüfer gedeckt sein. Wenn man nach sorgfältiger Prüfung jedoch konkrete und nachvollziehbare Bewertungsfehler erkennt, sollte man seine Rechte kennen und meines Erachtens auch wahrnehmen. Prüfungsentscheidungen sind keine unantastbaren Wahrheiten, sondern unterliegen - wie andere staatliche Entscheidungen auch - der rechtsstaatlichen Kontrolle.
Eine weitere Erkenntnis aus dem Verfahren war für mich, wie hoch die Anforderungen an die Substantiierung prüfungsrechtlicher Einwände vor Gericht sind. Soweit das Gericht einzelne meiner Einwendungen nicht berücksichtigt hat, lag dies vor allem nicht daran, dass sie von vornherein unbegründet gewesen wären, sondern daran, dass sie aus Sicht des Gerichts nicht ausreichend substantiiert dargelegt waren. Rückblickend weiß ich heute, dass eine erfolgreiche Prüfungsanfechtung häufig eine sehr präzise Auseinandersetzung mit Rechtsprechung und juristischer Fachliteratur erfordert. Dieses Wissen würde ich heute von Anfang an noch gezielter in die Begründung einfließen lassen.
Unabhängig von einem möglichen Widerspruch würde ich jedem Examenskandidaten empfehlen, stets Klausureinsicht zu nehmen. Zum einen kann man nur so beurteilen, ob die Bewertung nachvollziehbar ist oder ob möglicherweise konkrete Bewertungsfehler vorliegen. Zum anderen bietet die Klausureinsicht aber auch dann einen erheblichen Mehrwert, wenn sich die Bewertung als völlig zutreffend erweist. Sie ermöglicht es, die eigene Klausur noch einmal mit etwas Abstand zu analysieren, die eigenen Stärken und Schwächen besser zu erkennen und wertvolle Erkenntnisse für die weitere juristische Ausbildung oder das spätere Referendariat mitzunehmen. Allein aus diesem Grund halte ich die Klausureinsicht für einen festen Bestandteil einer guten Examensnachbereitung.
Abschlussfrage
Wenn Du dem Martin von vor fünf Jahren, der gerade ins Studium gestartet ist, heute einen einzigen Satz mitgeben könntest – welcher wäre das?
Vertraue dem Prozess, versuche nicht, möglichst schnell ans Ziel zu kommen, sondern jeden Tag ein kleines Stück besser zu werden und wenn du das System verstehst, kontinuierlich an dir arbeitest und Freude an der Juristerei entwickelst, wird der Erfolg irgendwann fast zwangsläufig folgen.
Zusatzfrage
Seit Deinem Erfolg im Examen und der öffentlichen Berichterstattung haben sich viele, die sich gerade in der juristischen Ausbildung befinden, persönlich bei Dir gemeldet. Wie erlebst Du diese Resonanz?
Die Resonanz hat mich ehrlich gesagt überrascht und gleichzeitig sehr gefreut. Ich bekomme inzwischen regelmäßig Nachrichten von jungen Leuten, die sich gerade in der juristischen Ausbildung befinden, und zwar aus ganz Deutschland - manche gratulieren einfach, viele schildern aber auch ihre eigenen Erfahrungen mit dem Jurastudium/Rechtsreferendariat oder dem Staatsexamen und bitten um Rat. Besonders bewegt mich, wenn mir Menschen schreiben, dass ihnen meine Geschichte Mut gemacht hat oder sie sich durch meine Interviews erstmals trauen, eine Prüfungsentscheidung kritisch hinterfragen zu lassen. Daran merkt man, dass das Thema viele beschäftigt und weit über meinen eigenen Fall hinausgeht. Genau deshalb möchte ich meine Erfahrungen künftig noch stärker teilen - nicht nur zu Lernstrategien und dem Examen selbst, sondern auch zu Prüfungsrecht, Motivation und den strukturellen Herausforderungen der juristischen Ausbildung. Wenn meine Geschichte anderen hilft, ihren eigenen Weg selbstbewusster zu gehen, dann hat all das einen zusätzlichen Sinn bekommen.


1 Kommentar
Dieses Interview ist wirklich sehr einsichtsreich und klärt viele meiner Fragen bezüglich des Jurastudiums.
Harte Arbeit und logisches Denken führt zum Erfolg- was will man mehr?