Wie hast du gelernt, Ron Straßburg?

Law School Germany Ron Straßburg

Bild: Sandra Cava / Universität Potsdam

 

Ein Jurastudium mit naturwissenschaftlichem Hintergrund, eine Zwischenprüfung mit rund 12,5 Punkten, eine Examensvorbereitung, in der das kommerzielle Repetitorium irgendwann keine Rolle mehr spielte – und am Ende ein Staatsexamen mit der seltenen Gesamtnote „Sehr gut“.

Rons Weg durch das Jurastudium verlief dabei keineswegs nach einem vorgegebenen Schema. Er probierte unterschiedliche Lernmethoden aus, arbeitete früh mit eigenen Materialien, setzte auf Lerngruppen und entschied sich während der Examensvorbereitung schließlich dafür, seinen eigenen Weg zu gehen. Gleichzeitig spricht er offen über Phasen, in denen die Motivation fehlte, über den enormen psychischen Druck der Examensvorbereitung und darüber, was er rückblickend anders machen würde.

Genau darum geht es in diesem Interview. Wir wollten von Ron nicht einfach wissen, welche Note am Ende auf seinem Zeugnis stand, sondern wie er dorthin gekommen ist: Wie war er als Schüler? Warum hat er sich für Jura entschieden? Wie hat er gelernt? Was hat funktioniert – und was nicht? Wie ist er mit Unsicherheit und Druck umgegangen? Und was würde er Studierenden heute mitgeben, die selbst noch mitten auf diesem Weg stehen?

 

Diese Fragen erwarten dich:

Person & Hintergrund

  • Wie würdest du dich in drei Sätzen beschreiben – abseits von Jura?
  • Wie warst du in der Schule und was für ein Schüler warst du?
  • Was wolltest du nach der Schule machen – hattest du neben Jura noch andere Pläne oder Träume?
  • Was hat dich letztlich dazu gebracht, Jura zu studieren – und nicht etwas anderes?

Studium

  • Wie waren die ersten Semester – bis zur Zwischenprüfung für dich?
  • Wie verlief dein Hauptstudium? Gab es Fächer oder Phasen, die dich besonders gefordert oder begeistert haben?
  • Welchen Schwerpunkt hast du gewählt – und warum genau diesen?
  • Was lief im Studium besonders gut, was lief nicht so gut?

 

Examensvorbereitung & Examen

  • Wie bist du die Examensvorbereitung angegangen – was war dein Plan?
  • Welche Lernmethoden haben bei dir gut funktioniert, welche eher nicht?
  • Wie hast du die Zeit mental erlebt – was war die größte Herausforderung für dich persönlich?
  • Wie lief das Examen selbst – wie hast du die Prüfungswochen erlebt?

 

Ergebnis & Einordnung

  • Wie hast du auf deine Abschlussnote reagiert – und wie bewertest du sie heute?
  • Du hast die bewusste Entscheidung getroffen, der Mindermeinung zu folgen. Wie viel Mut braucht es im Examen, vom erwarteten Weg abzuweichen?
  • Was sollte sich deiner Meinung nach am Jurastudium und am Examenssystem strukturell ändern?

Tipps & Ausblick

  • Welche drei konkreten Tipps gibst du Studierenden mit, die gerade in der Examensvorbereitung stecken?
  • Und was rätst du jemandem, der mental an seine Grenzen kommt – aber weitermachen will?
  • Wie geht es für dich jetzt weiter – Referendariat, Promotion, beides?
  • Was weißt du heute, was du dir gewünscht hättest, schon am ersten Studientag zu wissen?

 

 

Block 1 – Person & Hintergrund

Wie würdest du dich in drei Sätzen beschreiben – abseits von Jura?

Ich bin ein relativ vielseitiger Mensch, der sich gerne ausprobiert und dabei mitunter unkonventionelle Wege geht. So habe ich immer Spaß daran, außerjuristische Themen kennenzulernen und immer wieder neue Eindrücke zu sammeln. Außerdem teile ich unglaublich gern mein Wissen und probiere, dieses weiterzugeben.

 

Wie warst du in der Schule und was für ein Schüler warst du?

Ich habe meine Schulzeit in Brandenburg absolviert. Hier ist es üblich, erst nach der 6. Klasse auf die weiterführende Schule zu wechseln. So war es auch bei mir: Ich bin 2014 auf eine Schule mit naturwissenschaftlichem Schwerpunkt gewechselt - ein Profil, das sich bis ins Abitur bei mir durchgezogen hat. Ich hatte damals als Leistungskurse Mathe, Deutsch, Englisch, Chemie und Physik. Daneben war ich aber auch immer an den Gesellschaftswissenschaften interessiert. Ich war also ein Schüler mit vielen inhaltlichen Interessen. Mir fiel das Lernen ziemlich leicht, gerade auch dadurch, dass ich viel mündlich mitgearbeitet habe und so bereits viel aus dem Unterricht mitnehmen konnte. Mein Abitur habe ich dann 2020 auch mit 1,0 abgelegt. 

Daneben war es mir aber auch schon zu meiner Schulzeit wichtig, mich aktiv in den Schulbetrieb einzubringen. Ich war über drei Schuljahre Schülersprecher meiner Schule und hatte in dieser Zeit außergewöhnliche Gestaltungsmöglichkeiten, darunter etwa einen Schülerhaushalt im fünfstelligen Bereich. Ich konnte mich also schon damals viel und gerne einbringen, habe Verantwortung übernommen und in diesem Zusammenhang bereits erste Kompetenzen im organisatorischen Bereich gesammelt und meine ersten Kontakte mit juristischen Themen gehabt. 


Was wolltest du nach der Schule machen – hattest du neben Jura noch andere Pläne oder Träume?

Jura war nicht immer mein Plan. Ich hatte schon immer einen großen Spaß daran, Wissen weitergeben zu können. Deshalb wollte ich lange Lehrer werden. Was die Fächer angeht, habe ich immer ein wenig geschwankt. Von Französisch und Politik bis hin zu Chemie war eigentlich alles mal dabei. Am Ende ist es dann doch Jura geworden. Das hat sich bereits länger abgezeichnet. Wie gesagt, ich hatte bereits durch meine Arbeit als Schülersprecher Kontakt mit Gesetzen und fand daran viel Freude. Und durch meine politische Tätigkeit, die ich schon während meiner Schulzeit aufgenommen habe, wurde ich darin noch bestärkt. 


Was hat dich letztlich dazu gebracht, Jura zu studieren – und nicht etwas anderes?

Mit Jura steht dir die Welt offen. Man kann mit dem Studium in unglaublich viele Bereiche gehen und sich immer wieder neu finden. Noch viel wichtiger aber: Man lernt analytisches und strukturiertes Arbeiten, genaue Ausdrucks- und Argumentationskraft und das Herangehen an unbekannte Probleme. Das sind Kompetenzen, die man überall gebrauchen kann. 

 

Block 2 – Studium

Wie waren die ersten Semester – bis zur Zwischenprüfung für dich?

Ich habe mein Studium mitten in Corona-Zeiten (Winter 2020) begonnen. Dementsprechend waren die ersten Semester stark von Online-Lehre geprägt. Das war natürlich herausfordernd, da man ein wenig „auf sich allein gestellt“ war und das noch dazu mit einem völlig neuen Themengebiet. Ich habe einige Zeit gebraucht, mich daran zu gewöhnen, konnte mich dann aber relativ schnell und gut selbst organisieren. So richtig habe ich dann ab dem zweiten Semester meinen Weg gefunden. Die Zwischenprüfung besteht in Potsdam aus zwei Klausuren pro Reichsgebiet plus einem Grundlagenfach, welche man innerhalb von fünf Semestern abschließen musste. Ich habe die Zwischenprüfung nach zwei Semestern abgeschlossen, mein Schnitt lag da bei circa 12,5 Punkten. 


Wie verlief dein Hauptstudium? Gab es Fächer oder Phasen, die dich besonders gefordert oder begeistert haben?

Mein Hauptstudium verlief wenig spektakulär. Ich habe gute, aber keine so stark herausragenden Ergebnisse erzielt. Sobald ich gelernt habe, wie ich am besten die verschiedenen Aufgaben aufteile und Veranstaltungen nachbereite, bin ich gut zurechtkommen. Für mich war es immer eine Mischung aus verschiedenen Materialien. Es war nicht unüblich, dass ich zwar in der Vorlesung saß und mit einem Ohr zugehört habe, parallel dazu aber das Thema in einem Lehrbuch gelesen habe und beides simultan in meinen persönlichen Notizen zusammengefasst habe. Schon damals habe ich nicht auf einzelne Klausuren hin gelernt, sondern langfristig das Examen im Blick und so dann auch meine Aufzeichnungen erstellt. Das hat teilweise zwar eine hohe Arbeitsbelastung begründet, mir aber den weiteren Weg sichtlich erleichtert.  

Inhaltlich habe ich im Hauptstudium mein Interesse am Strafrecht noch vertieft. Gerade durch dieses Vorgehen war meine Arbeitsbelastung zur Studienzeit aber auch immer ziemlich hoch. Sich dann zu motivieren, weiterzumachen, fiel mir stellenweise auch vor dem Hintergrund schwer, dass man im Rahmen der „Großen Übungen“ im Hauptstudium pro Reichsgebiet von den drei angebotenen Klausuren im Semester nur eine bestehen musste. Da ich jedes Mal schon die erste Klausur bestand, fehlte mir dann immer wieder Druck, wirklich voll und ganz fokussiert zu arbeiten. Mit Blick auf das Staatsexamen habe ich mich zwar dann immer wieder diszipliniert, jedoch führten diese längeren Phasen ohne Klausuren dazu, dass das praktische Arbeiten am Fall immer wieder zu kurz kam und ich erst im Rahmen des Schwerpunkts wieder so richtig damit angefangen habe.


Welchen Schwerpunkt hast du gewählt – und warum genau diesen?

Meinen Schwerpunkt habe ich im Strafrecht gemacht. Der Schwerpunkt hieß „Wirtschafts-, Steuer- und Umweltstrafrecht“. Allerdings befand er sich damals – bedingt durch den Wechsel im Strafrechtsprofessorium – in einem Umbruch und wurde gerade reformiert. Dadurch habe ich besonders viel Wirtschaftsstrafrecht im Schwerpunkt gemacht, aber auch Veranstaltungen zu zahlreichen anderen Themenkomplexen besucht. Das fand ich spannend. Ich mochte das Strafrecht schon immer, weil dieser Bereich vielseitig und besonders anschaulich ist. Die berühmte Strafrechtlerin Ingeborg Puppe hat mal gesagt, sie könne einem interessierten Kind von 9 Jahren wesentliche Grundlagen des Strafrechts so erklären, dass sie danach darüber diskutieren könnten. Ich stimme ihr da sehr zu! Strafrecht ist ein Abbild unserer Gesellschaft und der beste Zugriff, um anderen Menschen die Bedeutung von Recht und Jura für den Alltag und ein geregeltes Zusammenleben zu verdeutlichen. Deshalb wollte ich mehr über das Strafrecht lernen und auch Bereiche erleben, die in der Ausbildung sonst nicht betrachtet werden. Thematisch habe ich die Auswahl meines Schwerpunkts nie bereut. 

Ich kann für die Schwerpunktauswahl generell nur raten: Sucht euch Themengebiete, die euch wirklich interessieren. Erst dann bringen die Schwerpunkte das, was sie tun sollen. Nämlich eine tatsächliche Vertiefung und inhaltliche Bereicherung der juristischen Perspektive. 


Was lief im Studium besonders gut, was lief nicht so gut?

Ich konnte mich ziemlich gut organisieren und so – wie dargestellt – auf langfristige Ziele hinarbeiten. Dazu gehörte es, dass ich meine Aufzeichnungen so angefertigt habe, dass ich sie für die Examensvorbereitung wiederverwenden konnte. Ebenso half es mir, bereits früh eine Lerngruppe mit meinen Kommilitonen gegründet zu haben. Diese ist zwar leider im späteren Verlauf des Studiums ein wenig eingeschlafen, konnte dann aber reaktiviert werden. Das gemeinsame Lernen und Üben von Fällen hat einfach immer am besten geholfen, da man hier formulieren musste und sich gegenseitig Fragen beantwortet hat. 

Das war es aber auch leider, was immer mal wieder auf der Strecke geblieben ist. Gerade in den Zeiträumen, wo keine Klausuren anstanden, habe ich – aus heutiger Sicht – zu wenig mit Fällen gearbeitet und mich eher auf die Theorie beschränkt. 

Außerdem ein wenig schade aus heutiger Sicht: Ich habe nie den richtigen Zeitpunkt für ein Auslandssemester gefunden. Ich hätte gern diese Erfahrung gemacht, hatte aber immer wieder das Gefühl, dass es „gerade nicht passt“. Mal stand ich mitten im Hauptstudium, dann kam der Schwerpunkt und plötzlich war ich auch schon in der Examensvorbereitung - ins Ausland habe ich es nicht geschafft. Aus heutiger Sicht hätte ich mir gern diese Zeit genommen. Vielleicht wäre es zwischen Hauptstudium und Schwerpunkt sinnvoll gewesen oder aber, dass ich meinen Schwerpunkt im Ausland gemacht hätte? Heute ist es aber wohl zu spät, das zu ändern.



Block 3 – Examensvorbereitung & Examen

Wie bist du die Examensvorbereitung angegangen – was war dein Plan?

Ich habe mir insgesamt 1,5 Jahre Zeit genommen. Zuerst wollte ich 1/2 Jahr lang eigenständig meine Lücken schließen und Themen aufbereiten, die im Studium zu kurz gekommen sind. In dieser Zeit war ich auch im Uni-Rep meiner Uni. Mein Plan war, nach diesem halben Jahr dann in ein kommerzielles Repetitorium zu gehen und damit gezielt das Examen vorzubereiten. So fing ich dann auch an, musste aber schnell feststellen, dass mir das kommerzielle Repetitorium nur bedingt half. Ich ging immer seltener hin, habe es dann irgendwann ganz sein gelassen und mich dann doch selbstständig vorbereitet. Dabei habe ich mich an meiner bereits vorab getroffenen Planung orientiert, welche Themen ich wann durchgehen wollte. 

Im Wesentlichen lässt sich die Zeit dadurch in zwei bis drei Etappen teilen. Zunächst eine reine Erarbeitung des abstrakten Wissens (Phase 1 vor dem kommerziellen Repetitorium), dann eine Phase, in der abstrakte Wissensaneignung und Übung am Fall parallel abgelaufen sind (circa September 2024 - März 2025) und dann eine Phase, in der ich nahezu ausschließlich mit Fällen und Rechtsprechung gearbeitet habe (März - Oktober).


Welche Lernmethoden haben bei dir gut funktioniert, welche eher nicht?

Am besten hat bei mir immer die Mischung verschiedener Methoden funktioniert und ein rasches Wechseln zwischen verschiedenen Themen. So habe ich gerne mit meinen eigenen Materialien gearbeitet, die ich bereits aus früheren Vorlesungen und verschiedenen Büchern (stellenweise auch Skripten) erstellt habe. Diese waren meine Ausgangslage für die theoretische Wissensaneignung - ich habe mir die Themen blockweise aufgeteilt und in regelmäßigen Abständen wiederholt. Parallel dazu habe ich viel mit Fällen gearbeitet. Ich habe Probeklausuren. geschrieben; anfänglich eine pro Woche, im letzten halben Jahr dann zwei. Viele weitere Klausuren und Fälle habe ich mit Lösungsskizzen und Zeichnungen gegliedert. So konnte ich bestmöglich die praktische Anwendung üben. 

Wie schon angedeutet, hat mir das kommerzielle Repetitorium nicht weitergeholfen. Das lag teilweise an meinen eigenen Anforderungen - ich fand die Kurse teilweise zu langsam und zu oberflächlich, sodass ich nicht das Gefühl hatte, etwas mitzunehmen. Außerdem empfand ich das Repetitorium als psychisch belastend, da immer wieder Angst vor dem Examen geschürt wurde. Eins sei an dieser Stelle klargestellt: Nur weil ich das Repetitorium nicht sinnvoll fand, heißt das nicht, dass das allgemeinverbindlich ist. Es gibt viele verschiedene Lerntypen – man muss seinen eigenen Weg finden und diesen dann konsequent gehen. Andere werden im Repetitorium Struktur und Begleitung finden, was sie durch die Examensvorbereitung bringt. 

Für mich am wichtigsten war das Arbeiten in einer Lerngruppe. Hier haben wir gemeinsam Fälle besprochen und bestehende Unsicherheiten klären können. Der Vorteil an einer Lerngruppe ist, dass man feste Termine hat, in denen man sich mit Fällen auseinandersetzt und zugleich aktiv an der Lösung mitwirken muss. Dabei hat man die Antworten so zu formulieren, dass andere verstehen, was man meint – das übt in doppelter Hinsicht. Auch aus sozialer Perspektive bieten Lerngruppen erhebliche Vorteile: Die Gruppenmitglieder befinden sich in der gleichen Situation und können deshalb nachvollziehen, welche Belastung die Examensvorbereitung darstellt. So kann man sich gegenseitig unterstützen und aufbauen.

Besonders sinnvoll fand ich auch die Arbeit mit der App „Jurafuchs“, da man hier viele verschiedene Inhalte miteinander verbinden konnte und ein niederschwelliges Lernangebot hat. Besonders nützlich fand ich die Aufarbeitung der aktuellen Rechtsprechung, welche sehr zeitnahe ergänzt wird.


Wie hast du die Zeit mental erlebt – was war die größte Herausforderung für dich persönlich?

Das Examen war eine ziemliche Belastung. Die größte Unsicherheit rührt daher, dass man sich über einen sehr langen Zeitraum vorbereitet und weiß, dass praktisch alles von zwei Wochen Prüfungen abhängt. Für mich hat es sich zeitweise so angefühlt, als würde ich keine Fortschritte machen, was dann natürlich verunsichert. Das galt umso mehr, als ich mich im weiteren Verlauf gegen die Fortführung des Repetitoriums entschied und so einen anderen Weg einschlug als der größte Teil der anderen Studierenden. 

Was mir während dieser Zeit geholfen hat, weiterzumachen? Das Wissen, dass das Examen vorbeigeht und dass es danach wieder besser wird. Und natürlich der Beistand meiner Kommilitoninnen und Kommilitonen, insbesondere aus meiner Lerngruppe.


Wie lief das Examen selbst – wie hast du die Prüfungswochen erlebt?

Die Prüfungswochen selbst waren weniger schlimm als gedacht. So richtig gemerkt, wie anstrengend die zwei Prüfungswochen waren, habe ich erst, als es vorbei war und die gesamte Anspannung von mir abgefallen ist. Sobald die Klausuren ausgeteilt waren und die Arbeitszeit begann, habe ich um mich herum kaum noch etwas mitbekommen. Hingegen empfand ich die „Ruhetage“ als ziemliche Belastung. Natürlich hatte man dort die Zeit, sich zu erholen (insbesondere vom ganzen Schreiben), aber diese Untätigkeit und das Warten auf den nächsten Prüfungstag hat mich doch gestresst - ich hatte das Gefühl, in der Zeit nicht effektiv zu sein und außer Abwarten nichts tun zu können. So richtig zur Ruhe gekommen bin ich an diesen Tagen nicht. 

 

Bild: Rene Matschkowiak


Block 4 – Ergebnis & Einordnung

Wie hast du auf deine Abschlussnote reagiert – und wie bewertest du sie heute?

Bereits als ich meine schriftlichen Ergebnisse bekommen habe, war ich etwas ungläubig. Ich war zu der Zeit im Urlaub - das war eine bewusste Entscheidung, um Abstand zu bekommen und mich in der Woche vor der Notenbekanntgabe nicht verrückt zu machen. So war ich den Rest der Woche gut „abgelenkt“. Als ich dann die Notenliste bekommen habe, musste ich schon mehrfach schauen, ob das wirklich meine Ergebnisse sind. Ich bin zwar von relativ guten Ergebnissen ausgegangen, hatte aber nicht mit 13,14 Punkten schriftlich gerechnet - das war das beste Ergebnis in der gesamten Notenliste. So richtig geglaubt habe ich das Ergebnis auch erst, als ich nach Einsicht in meine Klausuren die Voten gelesen habe. Meine Gesamtnote habe ich dann am Tag der mündlichen Prüfung bekommen. Auch hier musste ich nochmal nachfragen. Ich wusste zwar, dass ich – rechnerisch – aus dem „gut“ noch ein „sehr gut“ machen könnte, so richtig daran geglaubt habe ich aber nicht. Doch die mündliche Prüfung lief super - 16,7 Punkte mündlich haben mir am Ende das „sehr gut“ gebracht. Bis ich das realisiert habe, verging nochmal etwas Zeit.

Aus heutiger Perspektive bin ich stolz auf das Ergebnis und freue mich, dies erreicht zu haben. Deshalb finde ich es bis heute etwas schade, dass sich die öffentlichen Berichte immer nur auf das Ergebnis einer Klausur fokussiert haben. Meine Abschlussnote hat mir sicherlich viele Möglichkeiten eröffnet, über die ich vorher nicht einmal nachgedacht habe. Zugleich hat sie mir eine gewisse Stimme in der Öffentlichkeit verschafft, um auf den Reformbedarf der juristischen Ausbildung hinzuweisen. Das finde ich fast sogar wichtiger.

 

Du hast die bewusste Entscheidung getroffen, der Mindermeinung zu folgen. Wie viel Mut braucht es im Examen, vom erwarteten Weg abzuweichen?

Ich formuliere es mal so: Es kommt drauf an. In dieser Klausur war das keine so große Überwindung, da der besagte Streit relativ weit am Ende der Klausur lag, ich also die übrigen Probleme bereits unabhängig vom Ausgang des Streits behandeln konnte. Die Mindermeinung hat mir quasi eine „Verlängerung“ der Klausur ermöglicht. Wäre ich der Rechtsprechung gefolgt, dann hätte ich die Voraussetzungen des Grundbuchberichtigungsanspruchs (§ 894 BGB) abgelehnt. Durch meine abweichende Lösung, die die Voraussetzungen von § 894 BGB letztlich bejaht hat, konnte ich anschließend noch auf Probleme der Durchsetzbarkeit eingehen und hier weitere Gedanken einbauen. Da fiel es mir doch relativ leicht, der Mindermeinung zu folgen. In einer anderen Klausur hätte das womöglich anders ausgesehen, insbesondere wenn der Streit weit am Anfang der Klausur gewesen wäre und ich damit an den eigentlich erwarteten Schwerpunkten „vorbei geschrieben" hätte. Es ist deshalb wohl am ehesten eine Frage des Einzelfalls, ob sich das lohnt. Auf der sicheren Seite ist man natürlich immer, wenn man – soweit bekannt – der herrschenden Meinung folgt und auch das führt selbstverständlich zu wirklich guten Ergebnissen.


Was sollte sich deiner Meinung nach am Jurastudium und am Examenssystem strukturell ändern?

In der F.A.Z. habe ich gesagt, dass die aktuelle Ausgestaltung der juristischen Ausbildung unseren Rechtsstaat gefährdet. Das müssen wir endlich ernstnehmen. Derzeit hängt der Abschluss (den Schwerpunkt ausgenommen) nahezu komplett von zwei Wochen Examensklausuren und einer mündlichen Prüfung ab, die am Ende des Studiums – regelmäßig nach mindestens drei Jahren Studium – liegen. Das erzeugt viel Druck und eine erhebliche psychische Belastung, die auf lange Sicht gesehen den Studiengang immer unattraktiver macht. Noch dazu wird die Stoffmenge immer mehr – ein Trend, der sich übrigens an der Zunahme des Inhalts gängiger Lehrbücher nachweisen lässt. Demgegenüber verschließen wir uns noch zu sehr vor neuen Entwicklungen wie etwa den Auswirkungen künstlicher Intelligenz. Deshalb besteht erheblicher Handlungsbedarf.

Meines Erachtens könnte man den Druck bereits reduzieren, indem man den Abschluss nicht ausschließlich vom Examen abhängig macht, sondern ähnlich, wie es auch im Abitur gemacht wird, die im Studium erbrachten Leistungen in die Gesamtnote einbringt. So erhält man eine Bewertung, die die Entwicklung über einen längeren Zeitraum berücksichtigt, was m.E. die Objektivität und Aussagekraft erhöht. Ebenso ließe sich dann die Stoffmenge für das Examen reduzieren, indem bestimmte Themenkreise ausschließlich in universitären Prüfungen abgeprüft würden. All das würde in meinen Augen den psychischen Druck reduzieren. 



Block 5 – Tipps & Ausblick

Welche drei konkreten Tipps gibst du Studierenden mit, die gerade in der Examensvorbereitung stecken?

Der erste und wichtigste Tipp: Arbeitet zusammen. Am besten lernt man, wenn man sich in Lerngruppen gegenseitig unterstützt und gezwungen ist, sich über juristische Themen auszutauschen. Das ist bereits eine gute Vorbereitung auf die mündliche Prüfung. Noch dazu schafft man sich durch regelmäßige Lerngruppentermine tatsächlich einen Grund, regelmäßig dabei zu bleiben und sich mit den Themen zu beschäftigen. Ich fand das immer sehr bereichernd. In einer kleinen Gruppe gemeinsam Verantwortung für den Lernerfolg zu übernehmen, zeigt aber auch, dass man in der gesamten Examensvorbereitung nicht allein ist, auch wenn es sich manchmal so anfühlt. Die anderen erleben genau das gleiche – die gleichen Höhen und Tiefen. Gemeinsam kann man diese besser durchstehen und füreinander da sein.

Zweitens: Beginnt möglichst früh, mit Fällen zu arbeiten. Das abstrakte Wissen hilft nicht weiter, wenn man es nicht im Fall darstellen kann. Und genau dafür sind Übungsfälle und Probeklausuren da. Je früher man damit beginnt, desto mehr Sicherheit erhält man, kann die Zeit einschätzen und sich an die Schreibmenge gewöhnen. Zugleich lernt man so zahlreiche Problemkonstellationen kennen, was einen guten Überblick bietet. Gerade wenn es um das Ausschreiben von Probeklausuren geht, würde ich hier auch möglichst früh beginnen. Um hier die Hemmschwelle zu senken, ist es sinnvoll, mit dem Lieblingsrechtsgebiet zu beginnen. Auch kann es helfen, anfangs Klausuren mit Hilfsmitteln zu bearbeiten: Lieber eine Klausur mit Hilfsmitteln lösen, als sich gar nicht mit dem Thema auseinandersetzen.

Drittens: Grundlagen bringen mehr als Spezialprobleme. Das ist ein Punkte, den viele unterschätzen und der in der Vorbereitung deshalb zu kurz kommt. Tatsächlich wird das von verschiedenen Seiten aber immer wieder betont. Als ich vor kurzem mit dem Präsidenten des GJPA Berlin-Brandenburg auf einer Podiumsdiskussion war, hat er genau das gleiche gesagt: Die meisten Bearbeitungen, die nicht bestehen, scheitern nicht daran, dass ein bestimmtes Spezialproblem oder ein einziges Urteil nicht erkannt wird, sondern es fehlen die Grundlagen. Eben darauf würde ich deshalb auch bei der Vorbereitung den Fokus legen. Tendenziell eher in die Breite lernen und einen Überblick gewinnen, um systematische Zusammenhänge zu verstehen und diese wiederzuerkennen, statt jedes Einzelproblem und jede Rechtsprechung auswendig zu lernen. Denn mit den juristischen Handwerkszeugen wie den Auslegungsmethoden oder der Analogiebildung kann man immer zu vertretbaren Ergebnissen kommen. In meinen eigenen Examensklausuren habe ich die gleichen Erfahrungen gemacht: In einer Klausur, in der ich alle zugrunde liegenden Urteile kannte, habe ich weniger gut abgeschnitten als in einer Klausur, in der ich mir ohne Spezialwissen mithilfe der Auslegungsmethoden, des Gesetzes und der Grundlagen ein Ergebnis entwickelt habe.


Und was rätst du jemandem, der mental an seine Grenzen kommt – aber weitermachen will?

Durchhalten! Ich habe dann meistens versucht, durch Pausen etwas Abstand zu gewinnen. Es gibt nunmal Phasen, in denen man weniger aufnahmefähig ist oder auch Themen, an die man nicht herankommt. Manchmal hilft es dann, eine Pause zu machen, um den Kopf freizukriegen. Ein anderes Mal ist ein Themenwechsel sinnvoll, um dann später nochmal darauf zurückzukommen. Und wenn es dann wirklich nicht läuft, dann kann man einen Lerntag auch mal abbrechen, statt sich zu zwingen und am Ende vom ausbleibenden Erfolg frustriert zu sein. Wir haben alle solche Phasen, das ist normal und wird durch die Dauer der Vorbereitung bedingt. 

Nichtsdestotrotz darf man eines aber nicht vergessen: Es ist nur eine Prüfung. Das Examen sagt nichts darüber aus, was für ein Mensch man ist und es gibt immer auch einen Plan B. Um sich selbst zu motivieren kann es dann immer wieder helfen, sich Ziele zu setzen und daran zu denken, wofür man das tut. Mich hat immer wieder motiviert, dass ich den Wunsch hatte, zu promovieren und dafür einen entsprechenden Schnitt im Examen brauchte. So habe ich mir immer wieder vor Augen geführt, warum ich das alles mache. 

Fast noch wichtiger: Vergleicht euch nicht untereinander. Wenn man gerade selbst “angeschlagen” ist und mitbekommt, wie andere sich auf das Examen vorbereiten, kann sich das nochmal niederschmetternder anfühlen, wenn man selbst “nur” 6 Stunden in der Bibliothek war, andere aber 8 Stunden. Solche Vergleiche bringen nichts. Jeder lernt anders, hat andere Lernmethoden oder nutzt die Zeit unterschiedlich. 


Wie geht es für dich jetzt weiter – Referendariat, Promotion, beides?

Seit dem letzten Sommersemester bin ich wieder an der Universität Potsdam und arbeite dort als akademischer Mitarbeiter am Lehrstuhl für Strafrecht und Strafprozessrecht von Herrn Prof. Dr. Georg Steinberg, wo ich parallel auch promoviere. Dadurch hatte ich eine Art „Seitenwechsel“ – im Sommersemester habe ich Arbeitsgemeinschaften zu den Vermögensdelikten gehalten, dieses Wintersemester stehen unter anderem Arbeitsgemeinschaften zu den Delikten gegen die Allgemeinheit auf dem Programm. Auch hier habe ich viel Freude daran, gemeinsam anhand von Fällen die strafrechtlichen Grundlagen zu entwickeln und Probleme zu diskutieren, denn man lernt in diesen Diskussionen immer wieder Neues. Für die Promotion habe ich mich entschieden, weil mir das wissenschaftliche Arbeiten schon zu Zeiten der Seminararbeit viel Spaß gemacht hat. Jetzt habe ich endlich mal die Zeit, mich vertieft mit einem einzelnen Thema auseinanderzusetzen. Später steht dann natürlich auch noch das Referendariat und das zweite Examen an.


Letzte Frage: Was weißt du heute, was du dir gewünscht hättest, schon am ersten Studientag zu wissen?

Mir ist klar geworden, dass es nicht nur „den einen“ Weg der Examensvorbereitung gibt. Ich habe lange gedacht, dass es immer gleich läuft: Man geht irgendwann in die Examensvorbereitung und dann automatisch auch ins kommerzielle Repetitorium. Doch das ist kein Automatismus – man muss den Weg finden, mit dem man am besten lernen kann. Jeder lernt anders, legt andere Schwerpunkte und hat einen anderen Rhythmus. Deshalb ist es wichtig, sich zu trauen, mit verschiedenen Wegen zu experimentieren und dann das zu tun, was am besten passt.

Die Examensvorbereitung ist ein Marathon mit Höhen und Tiefen – sie läuft nicht gradlinig. Wenn es mal nicht läuft, sollte man daran nicht verzweifeln. Manchmal hilft Abstand, eine Pause oder eben ein Wechsel der Strategie. Zur Wahrheit gehört auch, dass man sich vermutlich niemals wirklich bereit fühlt, ins Examen zu gehen, da die Stoffmenge dafür einfach zu groß ist. Deshalb ist es umso wichtiger, sich von etwaigen Lücken nicht verunsichern zu lassen. Mit guten Grundlagen, ausreichender Klausurübung und Übung mit den juristischen Methoden ist man auch dann für das Examen bereit, wenn man nicht jedes Spezialproblem kennt.

 

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