Sahra: Zum Glück (leider) ziehe ich alles durch, was ich mir in den Kopf setze.

Sahra: Zum Glück (leider) ziehe ich alles durch, was ich mir in den Kopf setze. Law School Germany

Sahra ist Juristin mit kurdisch-jesidischen Wurzeln und Arbeiterkind. Sie hat beide Staatsexamina abgelegt und arbeitet heute als Volljuristin. Parallel dazu betreibt sie einen eigenen Podcast und ist auf Instagram aktiv, wo sie Einblicke in ihre Gedankenwelt gibt, juristische Tipps teilt und über Themen spricht, die im klassischen Jurastudium selten vorkommen: Herkunft, Identität und die Frage, wer in diesem Beruf eigentlich Platz hat.


Herkunft und Schule

Wie warst du in der Schule – und welche Rolle hat deine Herkunft dabei gespielt?

In der Schule war ich meistens eine ganz gute Schülerin. Ich hab mich gerne engagiert, habe alle möglichen Sport- und andere Freizeitangebote genutzt und war jahrelang Mitglied in der Schülervertretung. Am Anfang meiner Schulzeit habe ich viel gut gemeintes Interesse an meiner Herkunft bemerkt. Natürlich nicht immer. Aber dadurch, dass ich eine gute Schülerin war, haben mich meine damaligen Lehrer:innen wohl einfach gerne gerade wegen meiner Herkunft gelobt. Unangenehm waren dann Momente, in denen meine Herkunft wie ein Exponat in einem fremden Museum behandelt wurde, das ich außercurricular erklären sollte. Spätestens ab der Oberstufe schien meine Herkunft einigen Lehrkräften wohl irgendwie ein Dorn im Auge zu sein. Meine Fehler waren dann nicht mehr einfach nur Fehler, sondern der zwingende Beweis, dass ich eben “nur Ausländerin” bin. 


Gab es eine Person oder einen Moment, der dich in deinem Weg bestärkt hat?

So viele. Aber einen Moment zwischen Tür und Angel werde ich nie vergessen: Einer meiner Theaterlehrer wusste, dass ich - damals noch - unbedingt Journalismus studieren wollte und er fragte nach dem aktuellen Stand. Ich meinte, dass ich grundlegend an diesem Vorhaben zweifle, weil ein anderer Lehrer meine letzte Klausur wörtlich zerrissen hatte: mein deutsch sei so schlecht gewesen, dass ich besser einen Studiengang wählen sollte, für den das Beherrschen der deutschen Sprache nicht von Relevanz sei. Mein Theaterlehrer hatte darüber nur gelacht. Völlig abstrus seien die Worte des anderen Lehrers. Und ich glaubte ihm. Ich habe mich danach nie so richtig für diesen Moment bedankt. Mittlerweile ist er leider verstorben. Aber in meinem Gedächtnis lebt er weiter; nicht nur als toller Lehrer, sondern auch als guter Mensch. 

 

Warum Jura?

Was hat dich dazu gebracht, Jura zu studieren – gab es einen konkreten Auslöser?

Ich gehöre ganz klischeehaft zur Generation der Millenials, die mit Richterin Barbara Salesch und Richter Alexander Hold aufgewachsen sind. Es kamen damals so viele verschiedene Studiengänge in Betracht. Aber am Ende war es die schwarze Robe der Staatsanwaltschaft, die mich in den Bann gezogen hatte. Noch bevor ich abschätzen konnte, was Strafrecht mir in einem Jurastudium abverlangen würde, war ich einfach hin und weg von diesem Rechtsgebiet. Das hat sich bis heute nicht geändert 

 

Wie hat dein Umfeld reagiert, als du gesagt hast, du willst Jura studieren?

Meine Freunde fanden das größtenteils total passend für mich. Ein paar meinten, ich sei zu dumm für Jura, aber die sind heute auch nicht mehr meine Freunde. Meine Familie hat mich total unterstützt und immer - wirklich immer, immer - so sehr an mich geglaubt. Aber meine Eltern haben damals ganz klar gesagt: “Du gehst spätestens ab jetzt einen Schritt, den wir nicht mal ansatzweise gegangen sind und du musst dich darauf einstellen, dass du Entscheidungen für dein Leben ab jetzt alleine treffen musst, weil wir das alles einfach nicht so richtig verstehen.” (Wer versteht schon das 18-Punkte-System?!) …

 

Studium

Wo hast du studiert, und wie waren die ersten Semester für dich?

Total einsam, obwohl ich gar nicht alleine war. Ich hatte immer gedacht, das Studentenleben würde sich anders anfühlen, deswegen dachte ich, ich mache irgendwas falsch. Marburg, so eine tolle Studentenstadt. Aber für mich hatte die Stadt einfach nicht so viel zu bieten. 


Welchen Hürden bist du im Studium begegnet, und wie bist du damit umgegangen?

Ich hatte immer mal wieder Rückschläge. Die Klausur war nicht so gut, wie erhofft, lauter Absagen wegen Praktika, üble Prokrastination in den Semesterferien, weil ich weder Hausarbeiten noch den Gang ins Juristische Seminar ertragen konnte. In der Regel habe ich in solchen Momenten recherchiert und kalkuliert, ob ich nicht doch Schauspiel studieren sollte (in einem Paralleluniversum bin ich Musicaldarstellerin geworden), bin zu einem negativen Ergebnis gekommen und hab mich dann wieder an den Schreibtisch gesetzt. Zum Glück (leider) ziehe ich alles durch, was ich mir in den Kopf setze. 

 

Du bist die erste in deiner Familie, die Jura studiert und abgeschlossen hat – was bedeutet dir das?

Diese Tatsache ist für mich die Manifestation von Ungerechtigkeit. Ich bin nicht die Erste, weil ich besser oder schlauer bin. Sondern weil meine Großeltern, meine Eltern und Verwandten diesen mutigen Schritt der Flucht ins Unbekannte gewagt haben und alles zurückgelassen haben. Es ist für mich bis heute nicht zu ertragen, dass ich in dieser Kausalkette das größte Lob bekomme, obwohl ich mit Abstand nicht die mutigsten Entscheidungen getroffen habe. Gleichzeitig weiß ich, dass mein Weg auch irgendwie für alle ist und das beruhigt mich. 

 

Großkanzlei

Wie war dein Einstieg in die Großkanzlei – was hat dich überrascht?

So plötzlich, so nahbar, fast schon spielerisch. Überrascht hat mich der Umgang und Kontakt zu den anderen Associates. Einige meiner besten Freundschaften haben in dieser Zeit begonnen und begleiten mich bis heute noch. Achso, und Freitagabende nach dem Feierabend mit Laptop im Club tanzen stand auch nicht auf meiner Bingo-Liste. 

 

Für wen ist die Großkanzlei das Richtige, und für wen eher nicht?

Für alle, die sich ausprobieren wollen und alle, die ganz genau wissen, was sie machen wollen. Genauso aber auch für diejenigen in der Mitte, die einfach nur wahnsinnig viel Geld in einer Übergangsphase verdienen wollen. Wem die Großkanzlei im Studium oder Referendariat grundsätzlich gar nicht zugesagt hat, würde ich natürlich auch den Jobstart dort nicht empfehlen. Auch nicht denjenigen, die einfach nur Jura machen wollen und keinerlei unternehmerischen Tätigkeiten nachgehen möchten. 

 

Welches Bild vom Anwaltsberuf hat sich bestätigt – und welches hat sich als Irrtum herausgestellt?

Mit den Arbeitszeiten und der ständigen Verfügbarkeit habe ich fest gerechnet und das hat sich auch ganz schnell bewahrheitet. Ganz früher wollte ich ja eigentlich Staatsanwältin werden, weil ich dachte, der Anwaltsberuf wäre mir zu langweilig. Das war so ein Irrtum. Meine damalige Tätigkeit als Rechtsanwältin hat mir einmal mehr gezeigt, wie unfassbar vielseitig juristische Tätigkeiten sind. 

 

Podcast und Social Media

Du hast einen eigenen Podcast und bist auf Instagram aktiv – wie ist das entstanden?

Alles fing 2021 an: Corona-Pandemie, mal schnell TikTok runterladen und möchtegern-witzige Sketches veröffentlichen. Mein 4. oder 5. Video war ein Sketch zum juristischen Notensystem. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt etwa dreieinhalb Follower, aber das Video hatte plötzlich über 100k Aufrufe. So bin ich im Jura-Algorithmus gelandet und habe mich ganz wohl da gefühlt. Ende 2024 habe ich dann mit dem Podcast begonnen, um ausführlicher auf Fragen eingehen zu können, und Anfang 2025 kam dann Instagram dazu. Heute habe ich leider keine Zeit mehr für die relativ aufwändigen Sketches, aber ein paar Zuschauer schreiben mir heute noch, dass diese Videos das einzige waren, was sie in der Examensvorbereitung zum Lachen bringen konnten. 

 

Was treibt dich an, diese Inhalte zu teilen?

Tatsächlich die Einsamkeit, die ich selbst im Jurastudium gefühlt habe. Jura ist so anstrengend, so hart, so unfair. Wenn ich mit kurzen Videos anderen helfen kann, sie zum Lachen bringen kann, ihnen das Gefühl geben kann, dass sie nicht alleine sind, dann habe ich eigentlich schon alles erreicht. 

 

Was ist die häufigste Reaktion, die du bekommst?

Ich erhalte so liebe Nachrichten und Kommentare vor allem von Jurastudierenden und danke wirklich jeder Person, die sich Zeit nimmt, mir zu schreiben. Besonders hervorheben möchte ich aber die positive Resonanz aus meinem professionellen Umfeld, weil ich weiß, dass da draußen viele kreative juristische Köpfe wandeln, die so gerne mit Social Media starten wollen, aber sich nicht trauen. Und na klar ist nicht jedes Feedback positiv und natürlich werden Leute hinterm Rücken reden. Aber ich bin ja der Meinung, dass brillante Jurist:innen nicht nur einen scharfen juristischen Sachverstand haben, sondern vor allem eine gereifte Persönlichkeit. Und kaum woanders lernt man so viel über sich selbst und andere Menschen wie in den Tiefen dieses Social Media Wahnsinns. 

 

 

Tipps und Reisen

Welche Tipps gibst du Studierenden, die gerade anfangen oder mittendrin sind?

Ich weiß, es ist blöd, dass man diesen Tipp nicht einfach nur auswendig lernen, sondern vollständig verinnerlichen muss, aber: Vergleicht euch nicht mit anderen. Das hat mich im Jurastudium so gerettet. Die Noten der anderen haben in meiner Realität einfach nicht existiert. Punkt. Vergesst auch nie, wieso ihr Jura studiert und sammelt auf dem Weg zum Examen Momente, die diese Entscheidung bekräftigen. Schreibt diese Momente auf und lest sie euch durch, wenn ihr nach Schauspielschulen sucht oder die große Hausarbeit im Zivilrecht schreiben müsst. Vergesst nie, wie anstrengend das Jurastudium ist. Eure Nachfolger sind auf euer Gedächtnis angewiesen, weil ihr dieses System reformieren werdet. 

 

Du sprichst oft über Reisen – nach dem Abi, nach dem ersten, nach dem zweiten Examen. Wie wichtig ist das, und wann ist der richtige Zeitpunkt?

Das beste ist, dass es diesen einen richtigen Zeitpunkt nicht gibt. Als ich mit 27 Jahren Anwältin in der Großkanzlei wurde, dachte ich, dieses Zeitfenster ist längst abgefahren. Nach dem Abi war kein Geld da, nach dem 1. Examen auch nicht und das 2. Examen habe ich inmitten der Pandemie gemacht. Und dann habe ich einfach gekündigt und bin los. Es war die aufregendste Zeit meines Leben und obwohl ich seit etwa 2 Jahren von meiner einjährigen Europareise zurück bin, lerne ich bis heute noch jeden Tag daraus. Ich hätte neben Jura noch zehn andere Dinge studieren können; meine Neugier für das Leben habe ich nie verloren und die lebe ich unter anderem beim Reisen aus. 

 

Abschlussfrage

Das Arbeiterkind mit kurdisch-jesidischen Wurzeln, das sich damals für Jura entschieden hat – hat die Juristin Sahra diesen Weg bereut?

Nein. Ich bin so gerne Juristin und mache so gerne Jura und gleichzeitig noch so viele andere Dinge, an denen ich die breiten Massen auf Social Media aus guten Gründen so gut wie gar nicht teilhaben lasse. Für dieses Leben habe ich mir vorgenommen, weise zu werden und das Jurastudium hat mir ein gutes Fundament geboten (kann den Weg der Weisheit aber absolut nicht empfehlen, Haftungsverband der Hypothek ist ein Witz dagegen) … 

1 Kommentar

wahnsinnig inspirierende frau!

R

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