Medienempfehlung Netflixserie: „Das Gesetz nach Lidia Poët" – Die erste Anwältin Italiens
Es klingt wie eine Filmidee: Eine hochbegabte junge Frau kämpft sich durch ein von Männern dominiertes Rechtssystem, erringt einen historischen Sieg – und verliert ihn kurz darauf wieder. Doch die Geschichte von Lidia Poët ist keine Fiktion, sondern eine der eindrucksvollsten Kapitel der europäischen Rechtsgeschichte. Und seit 2023 bringt Netflix ihr Leben als italienische Krimiserie auf die Bildschirme der Welt.
Lidia Poët wurde 1855 im Piemont geboren, als jüngstes von sieben Kindern einer gutbürgerlichen Familie. Bevor sie sich dem Rechtsstudium zuwandte, absolvierte sie zunächst eine Lehrerausbildung in der Schweiz – doch das genügte ihr nicht. In Turin studierte sie Rechtswissenschaften und schloss 1881 mit einer Arbeit über die Rolle der Frau in der Gesellschaft ab. Zwei Jahre später, 1883, wurde sie als erste Frau in die Rechtsanwaltskammer von Turin aufgenommen – ein Meilenstein, der in Deutschland erst 1922 erreicht werden sollte.
Doch der Triumph war von kurzer Dauer. Die Aufnahme von Lidia Poët spaltete die Anwaltschaft. Zwei Anwälte traten aus der Kammer aus, und Generalstaatsanwalt Vincenzo Calenda di Tavani beantragte beim Berufungsgericht die Rücknahme der Zulassung. Am 11. November 1883 gab das Gericht dem Antrag statt – mit der Begründung, Frauen könnten den Anwaltsberuf grundsätzlich nicht ausüben. Das Bittere daran: Ein explizites Gesetz, das Frauen die Anwaltschaft verbot, existierte gar nicht. Es war schlicht der Wille der Männer, der zählte. Lidia legte Berufung ein – und scheiterte erneut. Im April 1884 bestätigte das Kassationsgericht das Urteil endgültig.
Was blieb ihr? Sie arbeitete weiter – in der Kanzlei ihres Bruders Enrico, der Anwalt war und ihr widerwillig eine Stelle als Rechtsgehilfin einräumte. Offiziell durfte sie keine Schriftsätze unterschreiben, nicht vor Gericht plädieren. Inoffiziell übernahm sie dennoch alle anfallenden Aufgaben und widmete sich besonders der Verteidigung von Frauen, Minderjährigen, Minderheiten und Gefangenen. Es war stille, konsequente Arbeit – über Jahrzehnte.
Im Ersten Weltkrieg diente sie als Krankenschwester beim Roten Kreuz. Und schließlich, im Jahr 1920, erhielt sie im Alter von 65 Jahren die Anwaltszulassung zurück – dieses Mal ohne Widerspruch. 94 Jahre wurde Lidia Poët alt. Sie heiratete nie.
Netflix hat diesem Leben nun eine Abenteuerserie gewidmet, die bewusst mehr Fiktion als Biografie ist. Im Mittelpunkt steht Matilda De Angelis als charismatische, widerspenstige Lidia, die trotz entzogener Zulassung einen Mordfall nach dem anderen löst, dabei ihrem Bruder auf die Nerven geht und zwischen zwei Männern hin- und hergerissen ist. Die Kostüme sind prachtvoll, Turin im 19. Jahrhundert wunderschön inszeniert, und die Ermittlungen sind temporeich – von historischer Genauigkeit sollte man dabei nicht allzu viel erwarten.
Was die Serie jedoch trifft, ist der Kern der Geschichte: eine Frau, die jahrzehntelang nicht aufgab, obwohl das System alles dafür tat, sie scheitern zu lassen. Lidia Poët brauchte kein Drehbuch. Ihre Geschichte war spektakulär genug.

