Der Dunning-Kruger-Effekt im Jurastudium: Warum hoher Aufwand oft in der Durchschnittlichkeit endet

Der Dunning-Kruger-Effekt im Jurastudium: Warum hoher Aufwand oft in der Durchschnittlichkeit endet

Der Dunning-Kruger-Effekt im Jurastudium: Warum hoher Aufwand oft in der Durchschnittlichkeit endet

Im Jurastudium und im Referendariat zeigt sich ein paradoxes Phänomen: Viele Studierende investieren erhebliche Zeit und Energie in ihre Examensvorbereitung – und verbleiben dennoch im Bereich durchschnittlicher Leistungen. Die Ursachen werden häufig im Stoffumfang, im Prüfungsdruck oder in mangelnder Begabung gesucht. Eine psychologische Erklärung wird dabei regelmäßig übersehen: der Dunning-Kruger-Effekt.

1. Was beschreibt der Dunning-Kruger-Effekt?

Der Dunning-Kruger-Effekt wurde 1999 von David Dunning und Justin Kruger (Cornell University) empirisch beschrieben. Er besagt vereinfacht:

Menschen mit geringen Fähigkeiten in einem Bereich neigen dazu, ihre eigene Kompetenz systematisch zu überschätzen.

Der Effekt beruht auf einem strukturellen Problem: Wer die Materie nicht beherrscht, verfügt regelmäßig auch nicht über die Fähigkeit, die eigene Nicht-Beherrschung realistisch einzuschätzen. Fehlendes Wissen verhindert damit nicht nur Leistung, sondern auch Selbstdiagnose.

Typischer Verlauf:

  • Frühe Lernfortschritte erzeugen ein starkes Kompetenzgefühl
  • Das tatsächliche Fähigkeitsniveau bleibt deutlich darunter
  • Selbstvertrauen steigt schneller als Kompetenz
  • Kritische Reflexion bleibt aus

Gerade bei hochkomplexen Disziplinen ist dieser Effekt besonders ausgeprägt – und damit im Jurastudium strukturell angelegt.

 

2. Warum ist der Effekt im Jurastudium besonders gefährlich?

Die Rechtswissenschaft ist keine additive Wissenssammlung, sondern ein methodisch geschlossenes System. Juristische Kompetenz entsteht nicht durch punktuelles Wissen, sondern durch das Zusammenspiel von:

  • Methodensicherheit
  • Strukturverständnis
  • Subsumtionsfähigkeit
  • sprachlicher Präzision
  • Wertungsgefühl

Der Dunning-Kruger-Effekt führt hier zu einer Illusion von Beherrschung. Wer etwa Definitionen kennt, Streitstände benennen kann oder Klausuren „schon einmal gesehen hat“, hält sich schnell für prüfungsreif – obwohl zentrale Defizite bestehen, etwa:

  • unsaubere Anspruchsprüfung
  • fehlende Schwerpunktsetzung
  • schematisches Abspulen
  • mangelnde Argumentationskontrolle

Diese Defizite bleiben oft unentdeckt, weil sie nicht als Lücken wahrgenommen werden, sondern als akzeptable Vereinfachungen.

 

3. Viel Lernen – falsches Lernen

Besonders perfide ist, dass der Dunning-Kruger-Effekt mit hohem Lernaufwand vereinbar ist. Betroffene lernen häufig viel, aber ineffizient:

  • Lesen statt Anwenden
  • Wiederholen statt Analysieren
  • Konsumieren statt Produzieren
  • Sicherheit aus Stoffmenge statt aus Struktur

Der hohe Aufwand stabilisiert die Selbstüberschätzung: „Ich habe doch so viel gelernt“. Dass das Gelernte nicht belastbar ist, zeigt sich erst in echten Prüfungssituationen – häufig zu spät.

 

4. Der Gegensatz: Impostor-Effekt als Luxusproblem

Dunning und Kruger beschreiben auch die Gegenbewegung: Mit wachsender Kompetenz sinkt oft das subjektive Selbstvertrauen. Experten neigen dazu, ihre Fähigkeiten zu unterschätzen (Impostor-Effekt).

Für Juristinnen und Juristen ist dies in der Regel ein sekundäres Problem. Wer methodisch sauber arbeitet, kann Unsicherheit kompensieren. Wer hingegen seine Defizite nicht erkennt, bleibt strukturell blockiert.

 

5. Die eigentliche Gefahr für angehende Juristen

Die größte Gefahr liegt nicht im Nichtwissen, sondern in der fehlenden Korrekturfähigkeit. Der Dunning-Kruger-Effekt verhindert:

  • gezielte Fehleranalyse
  • ehrliches Feedback-Management
  • methodische Umstellung
  • strategische Schwerpunktsetzung

Damit erklärt sich, warum viele Studierende trotz hoher Motivation und intensiver Vorbereitung dauerhaft im Bereich der Durchschnittlichkeit verbleiben.

 

6. Wie lässt sich der Effekt im Jurastudium überwinden?

Ein wirksamer Umgang setzt drei Voraussetzungen voraus:

  1. Externe Rückkopplung
    Eigene Einschätzung reicht nicht. Klausuren, Korrekturen und belastbares Feedback sind zwingend.
  2. Fokus auf Methode statt Stoff
    Wer die juristische Technik beherrscht, erkennt Defizite früh – und kann sie beheben.
  3. Systematische Selbstkritik
    Nicht: „Was weiß ich?“
    Sondern: „Wo verliere ich Kontrolle?“ bzw. "Was kann ich noch nicht (so) gut?"

 

Fazit

Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt, warum Engagement allein kein Garant für überdurchschnittliche Leistungen ist. Juristische Exzellenz beginnt dort, wo Illusionen aufgegeben und methodische Schwächen konsequent offengelegt werden.

Nicht mangelnde Intelligenz hält viele Studierende zurück, sondern eine trügerische Sicherheit. Wer diesen Mechanismus erkennt und durchbricht, verschafft sich einen entscheidenden strategischen Vorteil im Studium und Examen.

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