Die mit ChatGPT erstellte Hausarbeit erhielt an der Ruhr-Universität Bochum von vier Korrektor:innen die Noten 3, 6, 6 und 8 Punkte.
Die juristische Ausbildung steht vor einem strukturellen Wendepunkt. Ein aktueller Praxistest an der Ruhr-Universität Bochum zeigt, wie tiefgreifend generative KI-Modelle bereits heute klassische Prüfungsformate herausfordern. Zwei Wissenschaftler nutzten die kostenfreie Version von ChatGPT, um eine komplette Hausarbeit im Allgemeinen Schuldrecht erstellen zu lassen – mit bemerkenswertem Ergebnis.
Die KI generierte sowohl Lösungsskizze als auch ausformuliertes Gutachten. Lediglich die Fußnoten wurden manuell ergänzt. Vier nicht eingeweihte Korrektorinnen und Korrektoren bewerteten die Arbeit anschließend wie alle anderen: 3, 6, 6 und 8 Punkte, der Durchschnitt von 5,75 Punkten entsprach nahezu dem Gesamtschnitt der Kohorte. Niemand hegte den Verdacht, dass der Text maschinell erstellt worden war.
Fachlich lag die Hauptkritik weniger bei der Ergebnisqualität als bei Schwerpunktsetzung, Normbezug und argumentativer Tiefe. Gleichwohl zeigte sich, dass ChatGPT ohne vertiefte juristische Kenntnisse eine vollwertige Hausarbeit abliefern kann, die für ein Bestehen ausreicht. Der eigentliche Aufwand verlagerte sich: Nicht das Schreiben ist entscheidend, sondern das präzise Prompting, die Strukturierung und die Ergänzung sauberer Quellen.
Damit entsteht eine Kernfrage für die juristische Didaktik: Welche Kompetenz misst eine Hausarbeit künftig überhaupt noch? Wenn KI-gestützte Tools in der Lage sind, die Erwartungshorizonte durchschnittlich zu erfüllen, verliert das Format als individuelles Leistungsinstrument an Aussagekraft. Die Grenze zwischen Studierendenleistung und KI-Output verwischt.
Zugleich eröffnet der Test neue Perspektiven: Generierte Lösungsskizzen können als didaktisches Hilfsmittel dienen, komplexe Strukturen zugänglich machen und Lernprozesse beschleunigen. Wer Bestnoten anstrebt, wird weiterhin analysieren, korrigieren und vertiefen müssen – doch die Basisleistung lässt sich inzwischen ersichtlich automatisieren.
Der Praxistest ist keine groß angelegte Studie, doch der Befund ist eindeutig: Die Hausarbeit – Kernbestandteil der deutschen Juristenausbildung – steht unter Transformationsdruck. Prüfungsordnungen, Lehrkonzepte und Bewertungssysteme werden sich anpassen müssen, wenn KI-gestützte Textproduktion flächendeckend zur Realität wird.
Quelle:
LTO – Legal Tribune Online: “ChatGPT besteht Hausarbeit im Allgemeinen Schuldrecht”, veröffentlicht am 20.12.2025. Link: https://www.lto.de/karriere/jura-studium/stories/detail/ruhr-uni-bochum-testlauf-chatgpt-besteht-hausarbeit-im-schuldrecht

