Eine der meistgestellten Fragen in der Examensvorbereitung – und eine, auf die es keine universelle Antwort gibt. Was die Erfahrungen erfolgreicher Absolventinnen und Absolventen sowie Lernforschung jedoch zeigen: Es geht weniger um die rohe Stundenzahl als um Qualität, Kontinuität und die richtige Struktur.
Die Richtwerte: Was erfahrene Examenskandidaten berichten
Die meisten erfolgreichen Kandidatinnen und Kandidaten berichten von sechs bis acht Stunden effektiver Lernzeit pro Tag während der heißen Examensphase. Damit ist konzentriertes, aktives Lernen gemeint – nicht die Zeit, die man mit dem Lehrbuch auf dem Schoß am Schreibtisch verbringt. Wer ehrlich ist, weiß: Von acht Stunden „am Schreibtisch sitzen" sind oft nur vier bis fünf wirklich produktiv.
In der frühen Phase der Vorbereitung, also ein bis zwei Jahre vor dem Examen, sind vier bis sechs Stunden täglich realistisch und ausreichend – vorausgesetzt, sie werden konsequent eingehalten.
Quantität ist nicht gleich Qualität
Der häufigste Fehler in der Examensvorbereitung ist das passive Lernen: Skripten lesen, Markierungen setzen, Schemata abschreiben – ohne den Stoff aktiv abzurufen. Studien zur Lernpsychologie zeigen eindeutig, dass aktives Wiederholen, also das Lösen von Fällen, das Schreiben von Klausuren unter Zeitdruck und das Erklären von Inhalten aus dem Gedächtnis heraus, deutlich effektiver ist als reines Lesen.
Stefan Thönissen, der Rekordhalter in Baden-Württemberg mit 15,66 Punkten, betonte in einem Interview, dass er täglich früh mit dem Lernen begann und keinen Tag ohne strukturierte Vorbereitung verstreichen ließ – aber gleichzeitig auf ausreichend Pausen achtete, um die Motivation nicht zu verlieren.
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Die Phasen der Vorbereitung
Eine realistische Examensplanung gliedert sich in der Regel in drei Phasen. In der Aufbauphase, die etwa zwölf bis achtzehn Monate vor dem Examen beginnt, geht es darum, alle Rechtsgebiete systematisch zu wiederholen und zu festigen. Vier bis sechs Stunden täglich sind hier das Ziel. In der Intensivphase, die drei bis sechs Monate vor dem Examen ansetzt, steigt der Falldurchlauf deutlich an. Sechs bis acht Stunden aktives Lernen sind nun die Norm, wobei regelmäßiges Klausurenschreiben unter Examensbedingungen unverzichtbar wird. In den letzten vier bis sechs Wochen vor dem Examen schließlich geht es um Konsolidierung, nicht um neuen Stoff. Wer jetzt versucht, noch Lücken zu schließen, riskiert Verwirrung und Unsicherheit. Bekannte Schemata festigen, Klausuren analysieren und mental vorbereiten stehen im Vordergrund.
Wann lernen? Die Tagesstruktur macht den Unterschied
Die Forschung zur kognitiven Leistungsfähigkeit zeigt, dass die produktivsten Stunden für die meisten Menschen am Vormittag liegen. Wer morgens zwischen sieben und zwölf Uhr mit dem Lernen beginnt, nutzt die Zeit, in der Konzentration und Merkfähigkeit am höchsten sind. Der Nachmittag eignet sich gut für Wiederholungen, Karteikarten und weniger anspruchsvolle Aufgaben. Der Abend sollte für Erholung reserviert bleiben – nicht für neue, komplexe Inhalte.
Leonie Schwannecke von der Bucerius Law School, die 2022 mit „sehr gut" abschloss, berichtete, dass sie im zweiten Halbjahr der Vorbereitung täglich mit digitalen Karteikarten wiederholte und den Falldurchlauf in den letzten zwei Monaten deutlich steigerte. Der Schlüssel war nicht die Stundenanzahl allein, sondern die Systematik.
Pausen sind kein Luxus, sondern Teil der Vorbereitung
Das Gehirn konsolidiert Gelerntes während der Ruhe – nicht während des Lernens selbst. Wer täglich ohne Pausen und freie Tage durcharbeitet, nimmt langfristig ab. Empfehlenswert ist die Pomodoro-Technik oder ähnliche Methoden: 50 Minuten konzentrierte Arbeit, 10 Minuten Pause. Mindestens ein halber Tag pro Woche ohne Jura sollte fest eingeplant sein.
Lerngruppen: Segen oder Ablenkung?
Lerngruppen können die Vorbereitung erheblich beschleunigen, wenn sie diszipliniert geführt werden. Gemeinsames Besprechen von Fällen, gegenseitiges Abfragen und das Erklären von Problemfeldern vertiefen das Verständnis auf eine Art, die Einzellernen nicht erreicht. Gleichzeitig gilt: Eine Lerngruppe, die mehr Zeit mit Diskutieren als mit Lernen verbringt, kostet mehr, als sie bringt. Zwei bis drei Mal pro Woche für zwei bis drei Stunden ist ein bewährtes Maß.
Fazit
Wer sechs bis acht Stunden täglich aktiv, strukturiert und mit regelmäßigem Klausurenschreiben lernt, ist gut aufgestellt. Wer zwölf Stunden passiv liest, wird das Examen trotzdem nicht bestehen. Die Qualität der Vorbereitung schlägt die Quantität jedes Mal. Entscheidend sind ein früher Beginn, ein klarer Plan, ehrliche Selbstreflexion über die eigenen Schwächen – und die Disziplin, auch dann weiterzumachen, wenn die Motivation nachlässt.

