Die Fallbearbeitung ist das Herzstück des Jurastudiums und entscheidet darüber, ob eine Klausur oder Hausarbeit erfolgreich ist. Doch viele Studierende tun sich schwer damit, juristische Probleme strukturiert zu lösen. Oft sind Klausuren unübersichtlich, Argumentationen nicht nachvollziehbar oder wichtige Punkte bleiben unberücksichtigt. Der Schlüssel zu einer überzeugenden Lösung liegt in einem klaren und stringenten Aufbau nach dem Gutachtenstil.
Wer den Gutachtenstil beherrscht, kann auch komplexe Sachverhalte sauber analysieren und verständlich darlegen. In diesem Beitrag zeige ich dir, wie der perfekte Aufbau aussieht, welche Fehler du vermeiden solltest und wie du mit dieser Technik souverän jede juristische Klausur meisterst.
Warum ist der Gutachtenstil so wichtig?
Juristische Argumentation folgt einer festen Logik. Eine überzeugende Fallbearbeitung muss nachvollziehbar sein, dem Leser Orientierung geben und in sich schlüssig aufgebaut sein. Der Gutachtenstil sorgt dafür, dass jedes Problem systematisch durchgearbeitet wird, bevor eine abschließende Bewertung erfolgt.
Viele Studierende neigen dazu, ihre persönliche Meinung oder das Ergebnis direkt vorwegzunehmen. Doch das widerspricht der juristischen Methodik. Das Ziel ist es, zu einer fundierten Lösung zu gelangen – nicht, diese einfach vorauszusetzen. Genau hier setzt der Gutachtenstil an. Er zwingt dazu, jede rechtliche Frage schrittweise zu analysieren und sauber zu begründen.
Der klassische Aufbau des Gutachtenstils
Jede gutachterliche Prüfung folgt einem festen Schema. Dieses besteht aus vier zentralen Schritten:
1. Obersatz: Die Rechtsfrage klar formulieren
Jede Prüfung beginnt mit einer klaren Rechtsfrage. Hier wird präzise formuliert, welche Norm auf welchen Sachverhalt angewendet werden soll. Dabei wird der Obersatz stets neutral und in der Möglichkeitsform formuliert.
Beispiel: “Fraglich ist, ob T sich wegen Diebstahls nach § 242 Abs. 1 StGB strafbar gemacht hat.”
Wichtig ist, dass hier noch kein Ergebnis vorweggenommen wird. Der Obersatz dient lediglich dazu, die rechtliche Problematik einzuleiten.
2. Definition: Die relevanten Begriffe klären
Nachdem die Rechtsfrage aufgestellt wurde, müssen die Tatbestandsmerkmale definiert werden. Hierbei geht es darum, die juristischen Voraussetzungen der Norm zu erläutern.
Beispiel: “Eine fremde bewegliche Sache ist jeder körperliche Gegenstand, der nicht im Alleineigentum des Täters steht und sich von einem Ort zum anderen bewegen lässt.”
Die Definition muss präzise sein und sich an der herrschenden Meinung orientieren. Je nach Fall kann es erforderlich sein, auf unterschiedliche Definitionen oder Streitfragen einzugehen.
3. Subsumtion: Den Sachverhalt unter die Norm fassen
Die Subsumtion ist der entscheidende Teil der Fallbearbeitung. Hier wird geprüft, ob die im Sachverhalt genannten Umstände die definierten Tatbestandsmerkmale erfüllen.
Dabei wird jede einzelne Voraussetzung logisch überprüft:
“T hat das Handy des O aus dessen Jackentasche genommen. Ein Handy ist ein körperlicher Gegenstand und somit eine bewegliche Sache. Da O Alleineigentümer des Handys war, ist es für T fremd. Damit liegt eine fremde bewegliche Sache vor.”
Die Subsumtion muss genau, aber auch präzise sein. Allgemeine oder pauschale Aussagen ohne Bezug zum Sachverhalt reichen nicht aus.
4. Ergebnis: Die abschließende Bewertung
Nachdem die einzelnen Tatbestandsmerkmale geprüft wurden, folgt das Ergebnis. Hier wird die Rechtsfrage aus dem Obersatz beantwortet:
“T hat sich somit wegen Diebstahls nach § 242 Abs. 1 StGB strafbar gemacht.”
Das Ergebnis sollte knapp und klar formuliert sein. Bei umfangreicheren Prüfungen, insbesondere bei Hausarbeiten, kann das Fazit auch eine kurze Zusammenfassung der wesentlichen Argumente enthalten.
Häufige Fehler in der Fallbearbeitung – und wie du sie vermeidest
Obwohl der Gutachtenstil auf den ersten Blick einfach erscheint, gibt es viele typische Fehler, die Studierende immer wieder machen.
Ein häufiger Fehler ist das Vermischen von Gutachten- und Urteilsstil. Während im Gutachtenstil jede Rechtsfrage schrittweise hergeleitet wird, setzt der Urteilsstil das Ergebnis sofort voraus. Viele Studierende springen zu früh zur Lösung und verlieren so wertvolle Punkte.
Ebenso problematisch ist eine zu oberflächliche Subsumtion. Wer einfach nur feststellt, dass eine Voraussetzung „offensichtlich“ erfüllt ist, ohne dies am Sachverhalt zu überprüfen, begeht einen methodischen Fehler. Gerade hier zeigt sich die juristische Denkweise: Alles muss logisch hergeleitet werden.
Ein weiterer typischer Fehler ist das Fehlen einer sauberen Gliederung. Besonders bei umfangreichen Falllösungen verlieren sich viele in Details und vergessen, ihre Argumentation klar zu strukturieren. Ein übersichtlicher Aufbau mit klar erkennbaren Prüfungspunkten ist essenziell, damit der Korrektor den Gedankengang leicht nachvollziehen kann.
Besondere Herausforderungen: Meinungsstreitigkeiten richtig darstellen
In vielen Klausuren sind Meinungsstreitigkeiten unvermeidlich. Hierbei kommt es darauf an, verschiedene Auffassungen strukturiert darzustellen und überzeugend zu argumentieren.
Ein guter Prüfungsaufbau für Meinungsstreitigkeiten sieht folgendermaßen aus:
- Zunächst wird die Streitfrage formuliert.
- Dann werden die unterschiedlichen Auffassungen dargestellt, idealerweise mit ihren Argumenten.
- Anschließend folgt eine kritische Würdigung der Positionen.
- Abschließend wird eine begründete eigene Stellungnahme formuliert.
Beispiel: “Umstritten ist, ob das bloße Manipulieren eines Türcodes bereits eine rechtswidrige Zueignung im Sinne des § 242 StGB darstellt.”
Danach folgt die Darstellung der verschiedenen Positionen mit ihren Argumenten. Schließlich wird begründet, warum eine bestimmte Auffassung vorzugswürdig ist.
Fazit: Mit der richtigen Technik zum Erfolg
Die Fallbearbeitung im Gutachtenstil ist eine Technik, die mit konsequentem Training gemeistert werden kann. Wer sich an den klassischen Aufbau hält, Meinungsstreitigkeiten sauber darlegt und eine klare Argumentationsstruktur entwickelt, wird nicht nur in Klausuren bessere Ergebnisse erzielen, sondern auch im juristischen Alltag souveräner argumentieren.
Das juristische Gutachten ist keine bloße Formsache, sondern eine präzise Methode zur Lösung komplexer Rechtsfragen. Wer diese beherrscht, kann auch schwierige Probleme systematisch analysieren und überzeugend zu einer Lösung gelangen.
Durch regelmäßige Übung, gezielte Klausurpraxis und eine kritische Selbstanalyse kannst du deine Fallbearbeitung auf ein neues Level heben – und das nicht nur für das Examen, sondern für deine gesamte juristische Karriere.