Das Wichtigste in Kürze
Die herrschende Meinung (h.M.) ist in der Klausur dein sicherster Weg – aber nicht weil sie immer Recht hat, sondern weil sie das Risiko minimiert. Wer bewusst abweicht, muss wissen was er tut, konsequent bleiben und ein Hilfsgutachten schreiben. Wer das nicht tut, schreibt sich im schlimmsten Fall um Kopf und Kragen.
Wer ist eigentlich die h.M.?
Die herrschende Meinung – kurz h.M. – ist die Ansicht, die in Rechtsprechung und Literatur überwiegend vertreten wird. Das bedeutet nicht, dass sie die einzige vertretbare Ansicht ist. Oft gibt es zu einem Problem mehrere Lager: die Rechtsprechung des BGH auf der einen Seite, abweichende Stimmen in der Literatur auf der anderen. Die h.M. ist schlicht die, der die Mehrheit folgt – nicht unbedingt die überzeugendste.
Warum folgen so viele der h.M.?
Weil es der sichere Weg ist. Lösungshinweise für KorrektorInnen basieren in der Regel auf der h.M. als primärem Lösungsweg. Wer ihr folgt, landet dort, wo die meisten Punkte vergeben werden. Das ist keine intellektuelle Schwäche – das ist Klugheit. Hinzu kommt: Wer die h.M. kennt und ihr bewusst folgt, kann seine Energie auf Subsumtion, Argumentation und Aufbau konzentrieren, statt auf das Risikomanagement einer Mindermeinung.
Wenn du die h.M. für falsch hältst – schreibst du sie trotzdem hin?
Das kommt drauf an. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder du schreibst trotzdem die h.M. – weil du weißt, dass das der erwartete Lösungsweg ist, und dir bewusst entscheidest, kein unnötiges Risiko einzugehen. Oder du vertrittst deine eigene Ansicht – aber dann musst du sie sauber begründen, konsequent durchhalten und in aller Regel ein Hilfsgutachten für die h.M. schreiben. Wer das nicht tut, riskiert, in einer Folgefrage komplett abzuhängen.
Was war die Ausgangsfrage?
Die Ausgangsfrage ist eigentlich keine rein dogmatische, sondern eine taktische: Ist die Klausur der richtige Ort, um zu zeigen, dass man die h.M. für falsch hält? Die Antwort ist fast immer: nein. Dafür gibt es Aufsätze, Seminare und irgendwann vielleicht eigene Veröffentlichungen. In der Klausur gilt ein anderer Grundsatz – there is a time and there is a place. Für alles gibt es den richtigen Moment.
Woran erkennst du, welcher Weg erwartet wird?
Manchmal signalisiert dir der Sachverhalt selbst, wo die Reise hingehen soll. Ein klassisches Zeichen: Im Bearbeitervermerk zu einer späteren Frage steht „Gehen Sie davon aus, dass X gilt" – damit nehmen die AufgabenstellerInnen alle Bearbeiter wieder auf eine gemeinsame Basis, egal welchen Weg sie in der Vorfrage gegangen sind. Das zeigt: In der Vorfrage war Spielraum vorhanden, aber die Aufgabe hat ihn bereits antizipiert. Ein weiteres Signal ist die Lösungsführung selbst: Wenn deine Abweichung von der h.M. dazu führt, dass du in der nächsten Frage nur noch ein Hilfsgutachten schreiben kannst – überlege, ob das wirklich dein Ziel ist.
Was passiert, wenn du abweichst und kein Hilfsgutachten schreibst?
Dann verlierst du doppelt. Du verlierst Punkte in der Frage, in der du abgewichen bist – und du verlierst alle Punkte in der Folgefrage, weil du sie schlicht nicht bearbeitet hast. Das ist kein theoretisches Szenario, das passiert. Und es ist vollständig vermeidbar. Wer abweicht, muss das Hilfsgutachten schreiben – keine Ausrede.
Wann ist eine Abweichung von der h.M. wirklich vertretbar?
Vertretbar ist eine Ansicht, wenn sie juristisch begründet ist, du sie konsequent durchhältst und du weißt, was du tust – nicht weil du die h.M. vergessen hast oder unsicher bist, welche Meinung überhaupt gilt. Vertretbarkeit ist kein Freifahrtschein, sondern eine Anforderung. Und: In der mündlichen Prüfung hast du etwas mehr Spielraum als in der Klausur – du kannst einrudern, Reaktionen lesen, nachjustieren. Aber auch dort gilt: Wer eine andere Ansicht vertritt, tut das mit Sachlichkeit und Demut, nicht mit der Haltung, dass alle anderen Unsinn erzählen.
Was nimmst du mit?
Hinterfrage die h.M. – das ist gut und wichtig. Aber in der Klausur brichst du dir keinen Zacken aus der Krone, wenn du ihr folgst. Revolutionäre Ideen gehören in Aufsätze. In die Prüfung gehört Folgerichtigkeit.
Merksatz: Wer abweicht, muss konsequent sein und ein Hilfsgutachten schreiben. Wer sich unsicher ist, folgt der h.M. – und liegt damit fast immer richtig.

