Prüfungsstrategie | Mündliche Prüfung
Viele Examenskandidat:innen blicken der mündlichen Prüfung mit echter Angst entgegen. Das ist verständlich — denn das Studium bereitet kaum auf diese Prüfungsform vor. Mit Ausnahme des Seminarvortrags, den man vollständig vorbereiten und sogar auswendig lernen kann, haben die meisten Studierenden noch nie eine Prüfungssituation mündlich bestanden.
Doch genau hier liegt der entscheidende Denkfehler.
Die mündliche Prüfung ist kein Verhör — sie ist ein Gespräch
Im Vordergrund steht — zumindest im Zivilrecht — ein fallbasiertes Prüfungsgespräch. Der Prüfer startet anhand eines Sachverhalts eine Diskussion, die sich je nach Verlauf verzweigt und entwickelt.
Das bedeutet: Die mündliche Prüfung ist gestaltbar. Wer das versteht, hat einen entscheidenden Vorteil:
- Man kann die mündliche Prüfung nicht vollständig vergeigen.
- Man kann bis zur vollen Punktzahl gelangen — auch ohne die endgültige Antwort zu kennen.
Der eine Tipp, der alles verändert
Er ist einfach formuliert — aber er muss geübt sein:
Entwickle deine Lösung laut — jeden einzelnen Schritt, von Anfang an.
Nicht das fertige Ergebnis verkünden, sondern den Weg zeigen. Schritt für Schritt, laut und nachvollziehbar, auch wenn das Ziel noch nicht klar ist.
Warum funktioniert das? Weil die Prüferin oder der Prüfer so jederzeit eingreifen, lenken und unterstützen kann. Ein fertiges, falsches Ergebnis lässt sich kaum noch retten. Ein laut entwickelter Lösungsweg hingegen ist ein Dialog — und in einem Dialog passiert selten gar nichts Positives.
So klingt es in der Praxis
Szenario 1: Du weißt, wo du hinwillst
„Ich gehe gerade die gängigen Verweigerungsrechte durch. Als erstes kam mir das Stichwort Verjährung — das scheidet aber aus, da alles an einem Tag geschehen ist. Näher liegt die Einrede des nicht erfüllten Vertrags nach § 320 BGB. Ich prüfe kurz, ob die Tatbestandsmerkmale vorliegen…"
Szenario 2: Du weißt es gerade nicht
„Auf Anhieb kenne ich die genaue Antwort nicht. Ich versuche sie zu erarbeiten: Wenn es eine gesetzliche Definition gibt, müsste sie systematisch im Schuldrecht AT stehen, und zwar von der Systematik her im Untertitel…"
In beiden Fällen zeigst du juristisches Denken — und genau das wird bewertet. Selbst wenn die Frage weitergegeben wird, gehst du nicht leer aus.
Was das juristisch bedeutet
Prüferinnen und Prüfer wollen keine Wiedergabe von Definitionen. Sie wollen sehen, ob jemand an einem unbekannten Problem juristisch denken kann. Das ist die Kernkompetenz, auf die es im Beruf ankommt — und genau deshalb wird sie in der mündlichen Prüfung abgefragt.
Wer laut denkt, demonstriert genau das: strukturiertes, methodisches Arbeiten unter Unsicherheit. Das ist prüfungsrelevant und wird entsprechend honoriert.
Eine ehrliche Einschränkung
Der Tipp ist einfach zu verstehen — aber nicht leicht umzusetzen. Lautes Denken unter Prüfungsdruck, wenn die Nervosität hochkocht, ist eine Fähigkeit, die geübt sein will. Am besten funktioniert das mit einem Sparringspartner aus der Lerngruppe oder einem Lerncoach, der die Prüfungssituation realistisch simuliert.
Der Lohn: Wer diese Technik beherrscht, geht nicht voller Angst in die Prüfung — sondern mit dem Gefühl, dort aktiv Punkte holen zu können.

